Wie sagte doch so klug Karl Valentin: Nur in der Fremde ist der Fremde wirklich fremd? Falsch, völlig falsch. Bei meinem letzten Heimbesuch jedenfalls beschlich mich, spätestens dann, als ich eine komplett neu designte Büroklammer vor mir sah, ein abgrundtief-unheimliches Gefühl der Fremde, beim Teetrinken noch verstärkt. Zwar kam er wie immer, wie hübsch, zusammen mit dem obligaten Kaffeesahnebehälterchen, aber was war denn das? Der patentgefaltete Teebeutel hing nicht mehr an diesem lächerlichen Faden, nein, auch er war funktionell durchgestylt. Kurz, man kann sich, oder zumindest ich, nach etlichen Auslandjahren auch auf heimatlichem Boden ziemlich fremd fühlen.
Das Fremdsein holte mich gleich auf dem ach so heimischen Flughafen ein. Mein Handy hatte ich absichtlich nicht mitgenommen, sollte nun aber telefonieren! Wie nur ohne das praktisch Allgegenwärtige? Nicht aufgeben – Durchhaltevermögen und Improvisation brauche ich jeden Tag in meiner neuen Heimat. Zu meinem Entzücken ist nichts davon nötig – eine vorausblickende Hand hat gleich hier am Flughafen so etwas veraltetes wie ein Münztelefon stehen gelassen!!!! Münzen in der jeweiligen Landeswährung habe ich für genau solche Zwecke immer im Handgepäck. Erinnere mich vage, dass die Vorwahlen geändert haben – verdammt, die guten alten Telefonbücher hängen nicht mehr da. Gott sei Dank erledigt sich das Unterfangen ganz von selbst, nicht ohne allerdings einen schönen Teil meines Kleingeldes verspiesen zu haben.
War auf meiner letzten Heimreise doch viel schlimmer: Stieg aus dem Flugzeug und sah mich einem völlig unbekannten, graugranittenen Szenario gegenüber. Edel, futuristisch clean, mit jener besonderen einheimischen Leere öffentlicher Bauten, die nur der perfekte Einklang von „Form follows Function“ in solch antrazitener Schlichtheit zelebrieren kann. Nur die brandneuen, betonnüchternen Bahnhofsunterführungen und Kreisel, die ich auf meiner Reise durchfahre, sind noch furchtbar-funktioneller. Puh, am Ende des granitenen Korredors stand, wie von ungefähr, ein futuristischer Shuttlebus auf Schienen. Blitzschnell erinnerte ich mich, scheinbar die Einzige unentschlossen Überraschte, daran, so fremd war ich doch wieder nicht, dass man hier nicht fragt, man kennt die Logik, weiß es einfach, man errät es! Reihte mich also, schnell und fast so selbstverständlich gleichgültig wie die anderen Passagiere, schon schloß die Tür, ins Bahnwunder ein, welches mich wunderbarerweise in zwei Minuten zum altbekannten Terminal brachte.
Das Fremdsein begleitet mich. Ach ja, hier ist das Toilettenpapier, auch auf öffentlichen Toiletten, fünflagig, natürlich wunderbar weich. Wie vielfältig die eingeprägten Blumengirlanden sind! Zudem, verzeihen Sie das unapettitliche Detail, darf ich es auch in die Toilette werfen und nicht in unapettitliche Kübel daneben. Im Supermarkt reicht dann mein Kleingeld gerade noch, um mir einen Einkaufswagen loszulotsen, allerdings nur, da sie überraschenderweise zweierlei Münzen akzeptieren.
Nicht dass ich mich nicht auch selbst fremd benähme. Gelingt es mir bis zum Ende meiner Reise nicht, mich souverän auf die Straße zu werfen, ohne mich zuerst umständlich einmal rundum von der Sicherheit meines Vorhabens vergewissert zu haben. Laufe dann aber doch bald los, wenn ich sehe, dass die Autos freundlich in den absurdesten Positionen für mich stoppen. Fühle gar eine eigenartige Genugtuung, als ein respektables Polizeiauto mir den Vortritt gewährt. Wenn das nicht zivilisiert ist!
Auf Schritt und Tritt wird mir klar, wie fremd mein Land geworden ist, oder besser kosmopolitisch. Allerdings dauert es, bis es mir selber dämmert, sehe mich in den verschiedensten Spiegeln und Spiegelungen, dass ich mit meinem warmen um Kopf und Hals geschlungenen Schal zwar die Kälte nicht spüre, meine Vermummung mich aber auch problemlos als orthodoxe Muslimin durchgehen ließe. Vielleicht doch nicht ganz die perfekte Verkleidung nach einem hiesigen, international ausgeschlachteten Verbot für Minarette…. .
Fremd und doch vertraut sind mir auch die vielen Hunde. Der erste Pinscher darf sein weltreisendes Frauchen laut jaulend schon auf dem Flughafen empfangen. Hier in Brasilien ginge es niemandem auch nur durch den Kopf, auch den verwöhntesten Schoßhund bis zum Supermarkt mitzunehmen. Hunde sind neuestens in ausgewählten Parks oder Shoppings erlaubt. Allerdings fehlen in Brasilien auch – noch – die giftgrünen Hundekackesäckchenspender. Auch die bissige Kälte scheint den hiesigen Hunden nichts auszumachen – in in Brasilien tragen fast alle Hundemäntelchen in den kälteren Wintermonaten. Hier wusseln alle sozusagen barfuß und ungeschützt im Schnee. An einem Samstagmorgen, es ist noch ziemlich früh, wird mir auch klar, warum hier alle Hunde so gut erzogen sind. Von ferne sehe ich einer ganzen Gruppe Hundebesitzer und ihren respektiven Hunden zu. Sie trainieren im frisch gefallenen Schnee, wie man, Hund und Hundebesitzer, an einem ganzen Kreis anderer Hunde und Hundebesitzer korrekt, das heißt, ohne auch nur hinzusehen, geschweige denn einen Muks zu machen, vorbeigeht. Müsste wohl mit meinen Hunden ein paar solcher Trainings besuchen.
Fremd ist mir auch die neue Postautostation, die ich aber sogleich, blitzschnell Jacke und Koffer an mich reißend, Gott sei Dank hat schon jemand „Halt auf Verlangen“ gedrückt, in mein Repertoire einverleibe und, wenn auch etwas aufgelöst, benutze. Nur die erste vieler Tücken mit Bus und Straßenbahn. Jede Stadt hat, was die Fahrkartenautomaten betrifft, ihre ureigene Logik, die sich Fremden wie mir nicht immer so auf weiteres selbst erklärt. Auch die überaus intelligenten Billet- (so heißen die Fahrkarten in meiner Heimat) Automaten der Bundesbahnen kann ich bis zum Schluss nicht so souverän bedienen, wie ihre Vorgänger, deren geheimnisvolle Logik man allerdings auch verstehen musste. Die neuen sprechen zwar auch Englisch, beanspruchen aber deutlich mehr Zeit, einkalkulieren! zuviele Möglichkeiten, bis sie sich schlußendlich dazu herab tun, ein Billet, pardon, Ticket auszuspucken. Mit Zeit und Geduld lösen sich fast alle Probleme. Meine nagelneue Fünfeuromünze, ich habe nur sie, werfe ich einfach immer und nocheinmal in den geduldigen Schlitz. Beim elften Mal erkennt er sie dann sogar als gültiges Zahlungsmittel an. Wichtig, denn ich hatte schon beim Herkommen gecheckt, dass zu dieser frühmorgentlich nachtschlafener Zeit noch alles geschlossen ist und die zur Arbeit hetzenden Menschen will ich auch nicht bemühen. Die unleugbaren Vorteile solch fortgeschrittener Technik lerne ich zu schätzen, als ausgerechnet der Fahrkartenautomat einmal – unerhört! ausfällt: Gott sei Dank sind wir zu dritt, ratlos und ohne Fahrkarte – hätte also im Notfall Zeugen. Kaum relaxt, zückt doch die dritte Zeugin, ein junges Mädchen, ohne zu zögern verwegen ihr Handy und fotografiert damit den toten Touch-screen! Einen perfekteren Beweis, inklusive Uhrzeit und Datum, gibts wohl nicht!
Beim Handy hatte ich leider nicht mit der liebevollen Vorsorge meiner Familie gerechnet. Auf mich wartete ein lokales Ding. Man kann mich nun immer genau dann erreichen, wenn ich gerade beim Gepäckherunterwuchten bin, nur zwei, äußerst knapp bemessenen Minuten habe, um umzusteigen! Nichts vergessen darf, nicht weiß, auf welchem Gleis der verdammte Anschlusszug ultrapünktlich abfährt, den Mantel einknöpfen muss und meine Handschuhe und den Schal richten. Sozusagen als Entschädigung beschert mir das Handy aber auch ganz ungewohnte Einblicke. Unbekannte, fremde Schicksale breiten sich vor mir aus, besonders dann, wenn in irgendwelchen halbleeren Zügen darüber ins Bild gesetzt werde, dass man sich Lamas als Haustiere halte, im Garten, ja. Sich aus deren Haaren gar schon Pullover habe fabrizieren lassen und auch gleich, wieviel das gekostet habe. Auch über Enten lerne ich, ungewollt, entscheidende Kleinigkeiten. Nur die Gespräche der „Segundos, der hier aufgewachsenen Italiener, Serben oder Türken, bleiben fragmentarisch. Ich verstehe immer nur das deutsche Viertel – sie wechseln, dem komplexen Schema einer Achterbahn gehorchend, gleich mitten in zwei Sätzen immer mal wieder die Sprachen, Deutsch-Italienisch/Türkisch/Serbisch, immer hin und zurück. Verschlüsselter, perfekter kodiert nur all die slawischen Sprachen, die neuerdings überall an meinem mehr oder weniger aufnahmebereiten Ohr vorbeiplätschern. Angenehmer als der Tochter-Mutter-Dialog im anteilnehmensten Sozialarbeiterstil, der sich die ganze Ausstellung lang immer wieder penetrant in mein Ohr schleicht. Von einer „Primeira“, einer Japanerin an der Hotelreception in Bayern, lerne ich gar Deutsch. Oder vielleicht Bayrisch? Sie tackert mir mit dem Tacker den Beleg gleich fix an die Rechnung. Das Wort hat sie, wie sie betont, von ihrer Dienstkollegin gelernt, nicht im Deutschkurs und spricht es wie takeln aus.
Fremd fühle ich mich, als mich gleich am Bahnsteig die bis auf die Zähne gepanzerte Schocktruppe der Polizei, Helme vorgeschnallt, empfängt. Fast fühle ich mich in irgendeinen Krieg der Sterne verstrickt. Kann es mir, wie unangebracht spontan, gerade noch verkneifen, den ersten, besten Polizisten zu fragen, wem das Aufgeboten denn gelte. Also in Brasilien hätte ich damit keine Sekunde gezögert. An der Hotelrezeption dann die Vermutung: Weihnachtsmarkt und ein Eishockeyspiel, Vorbeugen, oder besser Abschrecken, sei wohl besser als heilen. In eine überaus fremde, Lichtjahre entfernte Vergangenheit fühle ich mich zurückversetzt, als ich mich von einer schon ziemlich angeheiterten Gruppe Verbindungsstudenten schon wieder Vollmontur!, umringt sehe. Hat da einer gar einen Schmiss? Dachte, die seien, nicht nur die Schmisse, ausgestorben. Wollte eigentlich da, wo scheinbar deren Stammlokal ist, gerne ein Bier trinken.
Allzu bekannt sind andere Fremdheiten. Sollte mein Handy mit einem neuen Guthaben aufladen. Praktischerweise sehe ich gleich da vorne einen Laden. Trete durch die Glastür, sehe mich suchend um, und pralle auf die selben freistehenden Rundtheken, identisch gelangweilte Verkaufsberater und hilflos herumstehende Kunden, deren strafende Blicke mich belehren, dass ich auch hier ein Nummer brauche, um dann irgendwann bedient zu werden! Bin doch hier nicht in Brasilien! Strafender nur die Blicke der Fahrradfahrer, die sich auch von Schneechaos nicht beirren lassen. Nach dem dritten indignierten Blick merke ich, dass ich wahrscheinlich auf dem vom Pflotsch zugedeckten Fahrradweg gehe, der neuerdings die Bürgersteige abteilt, noch etwas fremd Gewönungsbedürftiges. Bin die soziale Kontrolle, die hier alle und alles einfordert, nicht mehr gewöhnt.
Als ich dann vor der Heimreise mein Gepäck schon am Vorabend einchecke, welch wunderbare Neuheit und, nicht so toll, Personaleinsparmaßnahmen, am Computerterminal Check-in machen muss, räche ich mich auf meine Weise: Schleppe am nächsten Tag, urbrasilianisch, ein Riesenteil von Handgepäck mit – ist ja keiner mehr da, mich daran zu hindern. Beim Zwischenstop allerdings hätten sie mich fast erwischt. Gehe ihnen Gott sei Dankl nur beim Einchecken in die Maschine nach Brasilien ins Netz. Wortlos bittet mich die Groundhostess, mein „Handgepäck“ doch lieber hier zu lassen, es werde im Flugzeugbauch mittransportiert.
Besser wohl nur die Versuchung, der ich in Zürich fast erlegen wäre. Der Check-in läuft auf vollen Touren, als die Frau des Sicherheitspersonals auftaucht, in der plastikbehandschuhten Hand einen handlichen Labtop. – Hat einer von Ihnen den hier vergessen? – Keine Reaktion, keiner klopft sich erinnernd an die vergessliche Stirn. Niemand! Mühsam halte ich meinen Arm unten – und so sie nimmt ihn halt wieder mit sich fort. – Man muss wohl in Brasilien leben, wo Computer immer noch sehr teuer sind, um mein Dilemma nachempfinden zu können.
Glücklich und nicht mal zu übermüdet wieder in São Paulo, schlüpfe ich in meine brasilianische Haut zurück. Dem übergroßen Handgepäck sei Dank gleich mit zwei Handkarren befrachtet, mache ich mich auf die Suche nach meiner Busgeselltschaft. Frage die unterschiedlichsten Personen, von der Putzmannschaft bis zum uniformierten Taxieinweiser, nach der sechsten Auskunft finde ich nicht nur den perfekt versteckten Fahrkartenschalter sondern auch den Abfahrtsstandort des Busses. Hat mal wieder gewechselt. Habe viel zu viel Zeit, muss deshalb nicht, wie das letzte Mal, mein Gepäck in der Obhut des Busfahrers zurücklassen, der wäre sonst ohne mich abgefahren, um rennend noch eine Fahrkarte zu kaufen. „Bem Vindo de volta“ im Land, in dem man sich sozusagen alles erfragen muss. Gibt es etwas Sympatischeres als einen kleinen Schwatz mit gänzlich Unbekannten?
Beim nächsten Einkauf werde ich endgültig zum König. Weise die vielen Plastiktüten mit dem beiläufig eingefloßenen Verweis zurück, dass ich soeben aus Europa zurück sei, und man da, wie ich hier, seine eigene Tüte mitbringe. Tüten, jede einzelne, müsse man da bezahlen. Staunend hören mir gleich alle sechs gerade nicht beschäftigten Kassiererinnen zu. Deren Monatslohn reichte wohl gerade für den Fünftel eines Flugtickets nach Europa. Wie privilegiert ich bin, dass ich sozusagen von beiden Seiten das Beste genießen kann!