São Paulos Atlantikküste, Barra do Sahy, São Sebastião
22. Februar 2012Kindergeburtstag
24. Januar 2012
Alle Jahre wieder. Noch ein „Niver“, ein „Aniversário“,wie man das neuerdings trendig abkürzt, wie mich die Einladung belehrt. Noch einer, noch ein Kindergeburtstag. Die Einladung zeigts schon. Aufwändig launig produziert, falls möglich persönlich überbracht. Auf der Rückseite die detaillierte Straßenkarte. Wer auf sich hält, feiert auswärts.
Da, die falschen Trauben, lauter bunte Ballone signalisieren Feststimmung. An der Tür herrscht ein einziges Kommen und Gehen. Die Türsteher haben alle Hände voll zu tun. Kleinere oder heftigere Wellen schwemmen Geladene heran, ziehen sich zurück und laden neue Fracht. Zu so einem Kindergeburtstag werden beileibe nicht nur Kinder eingeladen. Alle sollen sie kommen, wirklich alle: Eltern und Geschwister, Schwiegereltern, Schwager und Schwägerinnen, die ganze weit verzweigte Verwandtschaft, ihrerseits natürlich mit Kind- und Kindeskindern und natürlich die Freunde. Die Freunde der Eltern und der Kinder versteht sich. Die Neuangekommenen mischen sich, oder auch nicht, unter die schon länger Anwesenden. Magisch kitten sich, man kennt man sich zwar, ach ja, ein anderer Geburtstag, aber nur flüchtig, sozusagen automatisch immer wieder die selben isolierten Grüppchen zusammen. Auch die Gespräche entwickeln sich, genau wie erwartet, selten über ausgetauschte Banalitäten hinaus. Verstummen sehr schnell in gleichgültigen Sackgassen. Ersticken an der Pein der Oberflächlichen und Wortlosen. Zu hoch geschraubt die Erwartungen – Wie auch immer. Keiner lässt es sich nehmen, die nun schon um die Generation der Enkel erweiterte Familie in lockeren, doch eher sporadischen Abständen wiederzusehen.
Scharf hebt sich die blendende Helle der nicht unbedingt kleidsamen Uniform vom dunklen Teint der beiden jungen Frauen ab. Ihre Schützlinge, die Kringellocken tiefschwarz, dramatisch senken sich ebenso dunkle Wimpern über rosa überhauchte Marmorwangen, tun keinen unbeobachteten, keinen unbegleiteten Schritt. Ständig ist eine hilfreiche Hand zur Stelle. Zupft zurecht, räumt hinterher oder vorneweg. Jeder Neuankömmling nickt ein höflich distanziertes „Guten Tag“ zu den beiden „Babás“ – den Kindermädchen hin. Bei größeren Familienfeiern und natürlich Kindergeburtstagen sind sie immer mit dabei. Stehen sozusagen Tag und Nacht, samstags und sonntags zur Verfügung. Die Babás sind nur indirekt geladenen. Auch sie bleiben außenvor. Ein sehr klarer, unsichtbaren Kreis scheidet sie von den offiziellen Gästen. Auch diesmal bleibt die Frage unbeantwortet, wo denn nun die Mutter, respektive gar der Vater des Geschwisterpaares wohl abgeblieben seien. Unbekümmert tauchen die beiden Engel gerade ins knallig bunte Kugelmeer. Daneben, alles zur freien Verfügung, ein Trampolin, eine Reihe Plastikspielzeuge. Jeder Condomínio, der etwas auf sich hält, bietet sie an. Auch das Puppenhaus, wohl eher ein Plastikbrutkasten, fehlt nicht. Es hat schon ein paar Jahre auf dem weichen Plastikdach, sein Pink und Gelb scheint reichlich ausgebleicht.
Ach, da ist sie ja! „Spricht man über den Teufel, schon erscheint sein Schwanz!“ – wie es auf gut Portugiesisch heißt. Ihre Majestät, die leibliche Mutter des Geschwisterpaares gibt sich die Ehre! Küsst absolut berufsmäßig die Luft neben den unzähligen hingehaltenen Wangen. Arbeitet sich, Küsschen für Küsschen, langsam durch die Geladenen. Dringt schlussendlich auch bis zu ihren eigenen Kindern vor. Schenkt ihnen huldvoll ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit. Was die Sprösslinge nicht sehr zu beeindrucken oder gar zu freuen scheint. Die „Babás“ hat sie zweifellos nach genau definierten Ansprüchen ausgelesen. Denn Babás sind hier in São Paulo teuer geworden. Die Berufsgruppe der Kindermädchen ist von den ersten, die vom immer großzügiger werdenden Arbeitsmarkt profitieren. Heute lässt keiner mehr seine Kinder, wie noch eine Generation zuvor, von ungebildeten, billigen Unterschichtfrauen, gar Analfabetinnen, – „Deus me livre!“ aufziehen. Moderne Mütter greifen, besonders auch aus finanziellen Gründen, auf den professionelleren Service einer Kinderkrippe zurück. Das garantiert neben vielen Plastikspielzeug auch das Fachpersonal. Der einzige Nachteil – man muss sich am Wochenende selber um den Nachwuchs kümmern. Halt. Schon ist die Mutter im ewiggleichen Kreise der Geladenen eingetaucht. Die Kinder ihrerseits springen und rudern weiter zwischen farbigen Bällen herum.
Faszinierend, wie man seine Kinder, fast wie die Geschenke, einmal schützenden Tore und Türen sammt Pförtner hinter sich gelassen, hier sozusagen abgeben kann. Letztere stapeln sich ungeöffnet irgendwo hinter dem Eingang. Die klangvollen Labels auf den Papiertüten sagen alles. Elternteile, die ihr Bierglas gegen ein Spiel mit Sohn oder Tochter tauschen, sind eher die Ausnahme. Tut es einer, gar ein Großelternteil, widmet er sich inbrünstig und exklusiv ganz allein der eigenen Brut, dem eigenen Blute. Bewahrt zu den Kindern der anderen respektvolle Distanz. Man könnte die Masstäbe und Vorstellungen von Erziehung der anderen verletzen. Größere Kinder werden sich selbst und den reichlich vorhandenen, aber nicht sehr inspirierten Spielzeugen überlassen. Bääää!!! – was ist denn passiert? „Mein kleiner Liebling! “Wie auf Kommando stürzen Großmutter, Babá und gleich darauf auch die Mutter herbei. Bis du hingefallen? Sofort wird der kleine Liebling schützend auf dreierlei Arme genommen. Fünf verschiedene Hände streicheln ihm die Tränen von den runden Wangen. Eine sechste schiebt ihm klebriges Zuckerzeug ins traurig verzogene Mündchen – hier kann keiner ein Kind leiden sehen!
Das Zauberwort zur Bewältigung eines solchen Riesenfestes lautet „lassen“. Die besser verdienende Mittelklasse lässt, sozusagen als logische Konsequenz, nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern auch alle Feste organisieren. Das ist praktisch, gibt aber auch dem sozialen Druck nach Prestige nach. Längst haben sich unzählige, thematisch spezialisierte Buffets dieser Marktlücke angenommen. An den Wochenenden schmücken sich ganze Straßenzüge mit den charakteristisch buntfarbenen, vergänglichen Trauben aus tausenderlei Ballons, „Nivers“, klar. Für Hochzeiten werden sie gegen üppige Trauben in Weiß ausgetauscht. Dass solche Mamutanlässe immer etwas uniform herauskommen, stört keinen. Für Abwechslung sorgen schließlich die ständig wechselnden Moden – von Tradition hält hier keiner was. Die Anläße sind so kurzlebig wie das Einweggeschirr und das Motto. Heute Mikey Mouse, morgen Piraten oder Prinzessin variieren auch mit der sozialen Klasse wenig. Die Gespräche so voraussehbar gleichförmig wie die salzigen Kleinigkeiten. Meist unterdurchschnittlich, was durch sehr viel Salz und Fett, fettausgebackene Paniermehlkrusten und pampige Kalorienbombenfüllungen wettgemacht werden muss. Wohl ein willkommenes Gegengewicht zum erwartungsgemäss hohen Konsums des eiskalten, aber schalen Biers. Ein Heer von Angestellten hinter kleinen Marktständen versorgt die eigentlich gar nicht hungrigen Gäste ständig aufmerksam mit mehr oder weniger wohlschmeckendem Nachschub. Waren es beim letzten Geburtstag noch Crèpes aktuell, sind nun Mini-Hot-Dogs und Minipizzas angesagt, und als Nachspeise natürlich grellbunte Cupcakes, der allerletzte Schrei. Die grellen Farben der Wegwerfdekoration aus Styropor sind noch süßer und penetranter als das viele Zuckerzeug. Auch wer zu Hause feiert, lässt auftragen, servieren und animieren. Mindestens ein Clown muss es sein. Diesem hier hängt seine wild gestreiften Hose an Hosenträgern hoch und weit über dem dicken Bauch. In den Hosenbund ist ein Hulareifen eingearbeitet. Er zaubert sogleich unzählige Ballons aus dem unförmigen Ding hervor. Besser wohl nur die magische Zauberin oder die perfekt uniformierten Animateure, die sich der Kinder annehmen. Ihnen ihnen farbige Gesichter malen oder putzige Tiere aus Ballons drehen, ständig etwas für sie machen und sie so beschäftigt und bei Laune halten.
Unvergesslich! Unvergesslich? Leider ist es noch nicht Mode geworden, das so perfekte Fest auch in perfekten Bildern festzuhalten. Noch lässt keiner, wie bei einer Hochzeit, die unwiederbringlichen Momente professionell klicken. Deshalb bekommt man nach einer Woche oder so unzählige Amateuraufnahmen zugemailt, verwackelt, in schlechtem Licht, die Kamera verdreht. Besser wohl nur die magischen Bilderrahmen, die wundersam in stiller Folge die selben amateurigen Fotos Tag und Nacht in leere Wohnzimmer produzieren. Der Vorteil, dass man da wenigstens wegschauen kann. Wette aber, dass professionell fotografieren lassen auch bald Mode wird. Wer kann es sich denn leisten, im digitalen Zeitalter auf Show-up zu verzichten?
Zum Schluss das große Glückwunschsingen. Alle, auch die beiden Babás bauen sich vor dem quadratischen, grellfarbigen Riesenkuchen auf. Halten ihre Schützlinge hoch, damit sie ja auch gar nichts verpassen. Längst schon haben kleine, gierige Kinderhände Breschen in die sorgsam um den Kuchen herum ausgerichteten Brigadeiroreihen geschlagen. Die kleinen, übersüßen Kugeln aus viel Kondensmilch und Schokoladenpulver verschwinden wie von Zauerberhand in den schon vollen Mägen. Traurig bleiben unregelmäßige Reihen leerer Papierförmchen zurück. Achtung, die auffallend runden, auffallend zuckrigen Dinger gilt es zu vermeiden. Es sind Traubenbeeren, schauerlich, mit Schokolade überzogen und in Zucker gewälzt. Gerade Mode. Licht aus, Kerzen an und die Glückwünsche herausgeschmettert. Nach den obligaten Wunderkerzen die dicke Zahlenkerze ausgepustet. Die zündet sich unter lauten Juheerufen immer wieder von selber neu an, flacker drei, viermal aufs Neue auf. Dann wird, nach genau festgelegtem Ritual, aufgeschnitten. Endlich liegt auch vor mir ein Stück Kuchen. Der Plastikwinzteller geht durch viele Hände, bis er alle erreicht. Gott sei Dank ist der Kuchen so nichtsagend wie weich, so dass es ihm gar nicht einfällt, dem Platikgäbelchen irgendwelchen Widerstand entgegen zu setzen.
Das Kuchenzerschneiden gilt gleichzeitig als Zeichen zum Aufbrechen. Alle halten sich daran. Mit scharfem Klick schließt sich hinter mir die erste Schleuse. Auf den Knopfdruck einer unsichtbaren Hand öffent sich gleich darauf die äußere der beiden Sicherheitstüren. Wieder draußen, für genau ein Jahr frei, vogelfrei.
Brasiliens Asphaltkost
16. November 2011Straßenessen hat in Brasilien Tradition. Was wäre der Urlaub am Strand ohne die kleinen Häppchen in der improvisierten Strandbar? Das launige Schwätzchen und die fröhliche Bedienung gibts gratis mit dazu. Käsespießchen werden einem in einem tragbaren Grill vor Ort kross gebratenen geradezu ins faule Maul gereicht. Da drüben serviert einer auf der Strandpromenade gerade eine Portion Austern. Den frischen Tropfen Zitronensaft liefert er gleich mit. Auch gebratene Garnelen, eine hinter die andere aufgespießt, kann man sich herbeiwinken. Ein Drink gefällig? Nichts tötet anfällige Bakterien effektvoller als eine im Sand gemixte Caipirinha mit einem Extraschuss Zuckerrohrschnaps. Die fahrbare Bar machts möglich. Aber auch das Mineralwasser wird einem nachgetragen, gleich im Bauchladen des fliegenden Händlers. Die selben, die sich auch die Kehle heiser schreien, wenn der Bus in einem der kleinen Busbahnhöfen zwischenhält. Und natürlich überall da, wo erschöpfte Touristen nach eisig heruntergekühlten Getränken lechzen.
Brasilien ist ein aufstrebendes Land. Die Wirtschaft boomt. Mit erfreulichen Konsequenzen. Eine davon: ein Teil der Unterbemittelten, in Brasilien Klasse C genannt, sieht sich nun in der Lage, mehr als das Allernötigste konsumieren zu können. Nicht nur Hühnchen, wie nach der Einführung des Reais im Juli 1994. Nein auch Jogurt und Kekse kann man sich heute leisten. Die Währung ist seit dieser Zeit stabilisiert, die Hyperinflation gehört der Vergangenheit an. Und Joghurt – in Brasilien verhälnissmässig teuer – zeigt, konsumieren geht auch über den Magen! Viele kleine Bars, Straßenhändler und Restaurants bestätigen das. Sie sprießen wie Pilze aus dem brasilianischen Asphalt. Besonders nachts, tagsüber sind sie oft unsichtbar, inexistent. Klappen sie doch meist genau da ihre Stühlchen auf, wo untertags ein Schlüsselservice oder ein Bauhandwerkermarkt funktionieren, gar in einem Seitenhof, der eigentlich zum Hinterhaus führt. Beleben tote Parkplätze, machen verlassene Ecken zum Treffpunkt der Schnellimbissfans. Sie bieten Hot Dogs an, genauso wie Mexikanisches oder Acarajé, die traditionellen, schwerverdaulich-leckeren Kugeln aus Bohnenmus aus Bahia. Dazu vielleicht ein Kokoswasser, direkt aus der aufgeschlagenen Nuss oder eine Pamonha, leicht süsser Maisbrei, säuberlich ins Maisblatt verpackt und gedämpft.
Auch das Reisen haben die Brasilianer entdeckt. Je mehr die Brasilianer ihr eigenes Land bereisen, desto mehr verbreiten sich auch regionale Essgewohnheiten. Tapiocas und Acarajés, traditionelle Straßenkost aus Brasiliens Nordosten, haben es sogar schon in die südbrasilianischen Shoppingcenters gebracht. Das ist den langezogene, fettausgebackene Churros, ein Gebäck, das hier in Brasilien gefüllt angeboten wird, noch nicht gelungen. Und auch der ach so leckere Maniokkuchen wird immer seltener. Vielleicht weil er so gar nicht ansehnlich daher kommt. Ein gelblichbleiches, langgezogenes Rechteck, noch heiß ins omnipräsente Plastiksäckchen verpackt. Er wird oft gleich vom Blech weg oder aus einem Korb heraus verkauft. Von moderater Süße lässt der erste Bissen auch die etwas gummige Konsistenz vergessen – köstlich, einfach köstlich. Auch die frittierten Nudeln des Yakissoba sind schon etwas aus der Mode. Genauso wie die brasilianische Version des Kebabs. Das dreckbillige “Churrasquinho grego” wurde in die vernachläßigten Zentren voller Menschenmassen verbannt.
- Freiluftchurrasco
- Autolanche, brasilianische Version
- brasilianische Version des Kebabs
- Sie verkauft Brei aus Tapioka
- Brei aus Tapioca
- Katzenchurrasco
- Kokoswasser, Esfihas, Pizza und Pastel, was will man mehr?
- Freiluftbar
- Hot-Dog superschnell
- Der Erdbeerverkäufer akzeptiert auch Kreditkarten!
- Zum Frühstück Brei aus grünen Bananen
- Eine Caipirinha bitte schön, schon kommt sie gefahren.
- Garnelenverkäufer, Ilha do Marajá, Nordbrasilien
- Austernöffnen, Ilha de Marajá, Nordbrasilien
- Austern, ganz frisch! Ilha de Marajá, Nordbrasilien
- Austern, Ilha de Marajá, Nordbrasilien
- Austerngeniesser, Ilha de Marajá, Nordbrasilien
- Pastel von der Seejungfrau, Santos
- Durstig? Getränkeangebot, Salvador
- Kaffeeverkäufer, Salvador
- Pizza, schmeckt auch im Amazonas
Wer also Hunger verspührt, kann sich gleich da auf dem Asphalt verpflegen. Es beginnt früh morgens mit dem fliegenden Frühstückshändlern. Man findet sie vor allem in den brasilianischen Innenstädten mit ihren ewig hungrigen Menschenmassen. Ihre kleinen Bauchläden sind schnell weggeräumt. Das von ihnen angebotene Frühstück isst man im Stehen, oder nimmt den Kaffee gleich mit ins Büro. Der kommt zwar aus der Thermosflasche, aber er ist stark und schwarz. Die Brötchen werden der Hygiene halber in Plastiktüten und dann noch in Plastikboxen verpackt, denn damit nimmt es der Brasilianer ganz besonders streng. Dass die Plastikverpackung nicht gerade umweltfreundlich ist und auch den Geschmack nicht gerade verbessert, stört die wenigsten. Der Kaffee, mit oder ohne Zucker, gar mit einem Tropfen Milch angeboten, scheint er auch aus dem Plastikbecher zu schmecken. In Nordbrasilien werden zum Frühstück oder gar Abendessen noch wunderbar schmeckende Breie serviert, aus grasgrünen Bananan, krossen Tapiokaflocken, eine Art brasilianischer Kornflakes oder aus weißem Mais, stundenlang weichgekocht. Eine Schubkarre, ein Brett oder ein anderer fahrbarer Untersatz und drauf gut festgezurrt zwei Töpfe mit noch warmem Brei werden durch die belebten Einkaufsstraßen geschoben. Gibt es einen Kunden, wird angehalten und im Plastikbecher serviert. Immer mit viel Kondensmilch obenauf. Tief im amazonischen Hinterland rief eine geschäftstüchtige Hausfrau gar einen Disk-Mingau, einen Brei-Hauslieferdienst ins Leben. Er funktioniert perfekt, natürlich via Handy. Ihr Mann bringt die Köstlichkeiten auf dem Rücksitz seines Motorrades, in kleine Portionen fix abgepackt unter die Leute.
Bei den “Churrasquinho de Gato”, den Katzenbarbecues ist wohl der appetitliche Bratenduft das beste Verkaufsargument. Auf improvisierten Feuerstellen bieten die Händler am Straßenrand billige Fleischspießchen an. Ihre Herkunft ist nicht über alle Zweifel erhaben, woher sicher auch der Spitzname stammt. Vor dem Verzehr wird die appetitliche Kruste das Spießchen großzügig in Farinha gewälzt. Hin und wieder gibt es auch gegrillte Hühnerfüße im Angebot, und wo Wasser in der Nähe ist, kross gebratene Fische. So wird auch der kleinest Hunger sofort gestillt; billig, wohlschmeckend, wenn auch nicht immer sehr kalorienbewusst.
Oft ist der Handwagen in Form einer Riesenkokosnuss, der zum “Restaurant” umfunktionierte Kofferraum des Kombis oder der Trailer nur der Anfang. Bald schon kommt ein kleines, vorfabriziertes Holzhaus dazu, ein paar Blümchen oder die böse Blicke abwendene Schwiegermutterzungen. Dann gar ein Schild, und schon ist der oft öffentlicher Grund kulinarisch besetzt. Dass dann die Angestellten mindestens alle Schürzen in den selben Farben, gar eine Uniform mit dem Label tragen sollten, lernt man heute in Wochenkursen für Selbständigerwerbende. Und schon ist der Schritt zum florierenden Schnellimbiss getan.
Wie wichtig der Straßenverkauf aber ist, zeigt der Wettbewerb um São Paulos bestes Pastel. Pastel, die mit allem Möglichen gefüllten, fettausgebackenen Teigtaschen gehören unbedingt zum Einkauf auf dem Markt dazu. Das Wettbacken wird nun schon zum dritten Mal ausgetragen. In der Jury sind Gastronomen und Feinschmecker und auch der Herr Bügermeister persönlich gibt sich die Ehre. Viele der 800 Teilnehmer, jeder Besitzer eines Pastelstandes, leihen dem kleinen Unternehmen ihren Vor- oder Spitznahmen. Wie die doppelte Preisgewinnerin Maria von der “Pastelaria da Maria”. Die strahlende Maria ist übrigens japanischer Herkunft und heißt mit vollem Namen Maria Kunko Yonaha. Sie war schon 2009 Gewinnerin und spricht nun schon von Filialen oder gar einer Pastelfranchise. Auch der Bürgermeister ließ es sich nach der Preisverleihung nicht nehmen, von den prämierten Pasteis zu kosten. Maria erhielt, neben dem ersten Preis eine schöne Summe Geld, eine neue Frittierpfanne und außerdem auch noch Mehl und Backfett für einen ganzen Monat – wie viele Leute sie damit wohl ganz schnell und aus der Hand gegessen glücklich machen kann?
Von tropischer Rösti und verbrasilianerten Sushis
16. November 2011- Bolo de Rolo, hauchfein mit Guavenpaste gefüllt
- brasilianische Sushis
- Brigadeiro, das Orginal
- Brigadeiros, neuerdings zum Löffeln
- Dekoration aus Gemüse, Sandwichtorte
- Der Geschmack des Kusses – Schnellimbiss
- Eine Pizza, zwei Beläge
- Fondue tropical
- Fondues unter Palmen
- Hot dog angebissen
- Hot dog Central, was darfs denn sein?
- Hot Dog, Mayo, Ketch-up, Remouladensauce
- Panetone brasilianisch
- Pizza per Stück
- Rösti brasilianisch
- Rösti, gefüllt
- Rösti, ganz schweizerisch mit Füllung
- Sanwiches
Wie sprichwörtlich kreativ die Brasilianer sind, fällt dem aufmerksamen Besucher spätestes dann auf, wenn er eine Speisekarte in der Hand hält. Zu ganz besonderen Höhenflügen setzt die brasilianische Kreativität dann an, wenn einheimische Köche internationals Essen sozusagen verbrasilianern. Ausgehend von einem meist importierten Rezept, verwandeln es sich unter ihren Händen in etwas noch “Köstlicheres”. Wie wär´s zum Beispiel mit innovativ gefüllter Rösti? Außen kross, enthüllt sie beim ersten Gabeldruck ihr Geheimniss. Als Füllung passt fast alles, von Curry über Bolonese bis kleingeschnittenes Paparikaschnitzel. Oder Sushis? Mit Mangos und Erdbeeren tropikalisiert, gar mit Creame Cheese eingerollt? Yakissoba? Schon ziemlich aus der Mode! Temakis, konenförmig gerollte Riesensushis sind gerade ein Hit. Dass keiner so richtig weiß, wie man die am besten isst und einem der zuckrige Sirup auch beim behutsam Abbeißen leicht über die Finger kleckert, scheint die jungen Leute beim Verzehr nicht zu stören. Brasilianer lieben Neuheiten. Und sind, besonders in kulinarischen Belangen, auch entsprechend risikobereit.
Lust auf Pizza? Ja, auch die haben die Brasilianer verbessert, oder gar sozusagen neu erfunden. Hier schwört einjeder, dass die Pizzas hier viel, sehr viel besser seien als in Italien! Verändert wurde fast alles. Hier wird Pizza grundsätzlich im Kollektiv bestellt. Wer mag, kann zwei verschiedene Geschmäcker auf einer einzigen Pizza bestellen, einfach halb, halb. Serviert wird dann stückweise.. Eine Pizza mit Ruccola, Auberginen, Shitake oder Lauch, gar Lachs oder Meerfrüchte gefällig? Gar mit einem aufgeworfenen Rand, der mit dem hier so populären flüßigen Käse gefüllt ist? Lassen Sie sich auch die süßen Pizzas nicht entgehen! Mit Schokolade, zum Auftackt. Dann kommen Bananen mit Zimt, Guavenpaste mit Käse und was weiß ich noch. Auch Versionen mit lokalen Zutaten werden heftig beklatscht und genüsslich verzehrt. Apropos Italien – ganz trending sind gerade Brusquettarias.
Kulinarische Bahnbrecher ware wahrscheindlich die Sandwiches. Es gibt wohl in keinem anderen Land eine größere Vielfalt an belegten Broten. Auch werden sie immer ganz nach Kundenwunsch immer frisch belegt. Ganz besonders lecker sind die heißen Sandwiches. Gerne mit einem deftigen Schnitzel gefüllt und reichlich mit Käse überbacken. Der sozusagen kulinarische Höhepunkt ist sicher die salzige Sanchwichtorte, die wohl aus den 50-er Jahren stammt. Zu der wird amerikanisches Toastbrot lagenweise mit zerfasertem Hühnchen in Mayo aufgeschichtetet und dann liebevoll mit einer “Glasur” aus Kartoffelpüree versehen. Obenauf, noch liebevoller, dekorative Gemüseblumen. Bis heute fehlt so ein Ding auf keinem großen Fest. Von berufstätigen Hausfrauen werden auch gerne Sandwiches am Meter bestellt. Da kann sich dann jeder sein Stück herunterschneiden. Auch Croissants und Baguettes werden hier gerne üppig gefüllt. Der Kreativität und Kombinationsmöglichkeiten scheint kein Brot zu entkommen. Das selbe passiert mit dem Hot-Dog. Viel mehr als ein süß-labriges Brötchen und eine giftorange Wurst wird er hier zur Mahlzeit ausgebaut. Kommt mit Kartoffelpürree, Mais, Pickles, Salat, Tomaten und was weiß noch reich gefüllt daher. Auch die Hackfleischversion ist populär.
Die Rodizios, eine Art Kettenessen, sind wohl eine urbrasilianische Erfindung. Was eigentlich mit dem Churrasco begann, bei dem zu einem Einheitspreis eine endlose Reihe von leckeren Fleischspießen serviert werden, geht heute bei Pizza oder “Massas” – Nudeln weiter. So werden Ihnen nach und nach die unterschiedlichsten, immer viel zu weich gekochten Nudel mit den absurdesten Saucen serviert. Besonders beliebt sind dicke Käsesaucen, bei denen sich die Käse gegenseitig erschlagen. Aber was will man in einem Land, das einen der teuersten Hamburger der Welt kultiviert. Den selben sogar – wie clever – als teures Luxusfood fast nur in Shoppings verkauft. Den selben Marketingtrick mit einer Restaurantkette wiederholt, die auch nicht gerade preiswert und sehr erfolgreich “australisches” Ambiente und Essen anbietet.
Geht es dann um Süßes, kommt das erste Mal Einheimisches zum Zug. Aber selbst der urbrasilianische der Açaí aus dem Amazonas entkommt den internen Verbesserungen nicht. Wird mit soviel Zucker, Bananen und Müsli derart verfremdet, dass vom ursprünglichen Geschmack so gut wie gar nichts übrig bleibt. Die berühmte Biscuitroulade, der “Bolo de rolo” aus Brasiliens Nordosten allerdings hat einen neuen Klassiker geschaffen. Das Biscuit wird so hauchfein gebacken, dass es mit einer genauso hauchfeinen Schicht Guavenpaste unzählige Male eingerollt werden kann. Teig und Füllung gehen so eine so unlösbare wie leckere Symbiose ein. Dass Schokoade gerade auch im Kakaoproduzentenland zu einem Höhenflug ansetzt, ist wohl ausländischer Inspiration zu verdanken. Der brasilianische Beitrag sind Schokoladenfondue und Schokoladenbrunnen, die gerade bei aufwändigen Geburtstagsfeier und Hochzeiten Furore machen. Über tropische Fruchtstücke gegossen, sind sie ganz lecker. Auch der urbrasilianische Brigadeiro, eine ultrasüße Schokoladenkugel aus Kakao vermischt mit viel Kondensmilch, bekommt gerade seine lokale Gourmetversion. Neuestens wird er in kleinen Gläschen serviert und ausgelöffelt. Die hat auch schon den Cupcake und die Brounies eingeholt. Dass alle tropikalisiert werden kann, zeigt die Vielfalt an Panettones. Jedes Jahr werden mindesten drei oder vier neuen Füllungen, auch mit Marmelade aus tropischem Cupuaçu lanciert. Dieses Jahr sind es neben Karamell üppige Trüffelfüllungen. Jeder Pförtner und jede Hausangestellte bekommt je nach Beliebtheitsgrad gleich drei oder vier davon ab. Falls Sie auf Sicher gehen wollen – kaufen Sie nur ja keinen traditionellen! Sowas trockenes! Kandierte Früchte! Am beliebtesten ist immer noch der mit den mitgebackenen, halbflüssigen Schokotropfen, auch Chocottone genannt! Und vergessen sie eines nicht – die Verpackung ist, besonders bei Geschenken, hier in Brasilien genauso wichtig oder fast noch wichtiger als der Inhalt. Ja, auch hier haben die Brasilianer innoviert.
Kneipenessen brasilianisch
16. November 2011Alles begann in Minas Gerais. Da hatte ein Radioreporter die glänzende Idee, seine Hörer darüber abstimmen zu lassen, welche Kneipe in Belo Horizonte wohl das beste Kneipenessen anbiete. Ein cleverer Schachzug, denn wer abstimmen will, muss vorher Probeessen. Aber “Comida de botequo” – Kneipenessen mag einfach jeder. Besonders wenn ein paar frisch gezapfte Biere, natürlich vom Fass, dazu getrunken werden müssen. Bald machte die Idee soviel Furore, dass der Wettbewerb heute einmal pro Jahr in 15 Städten in ganz Brasilien abgehalten wird.
Was aber isst man in Brasiliens Kneipen? Vieles was fett, herzinfarktfördernd und wohlschmeckend ist. “Petiscos” – Häppchen, Kleinigkeiten wie “Torresmo”, Grieben, ausgebackene Schweineschwarte in krossen Würfeln, frittierte Kroketten in den unterschiedlichsten Fomen und Füllungen, Empanadas und gefüllte Teigtaschen. Arabische Hackfleischbällchen, oval geformt und tausenderlei “Bolinhos”, Frikadellen, traditionellerweise aus Kartoffeln, Reis oder Maniok, veredelt mit Stockfisch, Trocken- oder Salzfleisch. Fleischbällchen, mit Käse gefüllt und dann frittiert oder Bratfisch mit Mozarella überbacken. Fisch oder Huhn kommen auch als “Isca”, Köder auf den Tisch, das heißt paniert und ausgebacken. Soll es mehr als ein “Tira gosto”, ein Appetitmacher sein, dann kommt alles zum Zug, was mit Schweinefett, Wurst und Speck aromatisiert wird. Deftigste Bohnengerichte, Koteletts und die wiederentdeckten “Versteckten”. Bei denen wird leckeres, zerfasertes Trockenfleisch, Krabben oder ein Ragou unter einem Püree aus Maniok oder Kartoffeln versteckt. Als zusätzlichen Clou wird es dann noch mit Käse überbacken. Keine Angst, Salat, vielleicht in Form einer Tomatenscheibe, kommt allenfalls als dekoratives Element mit auf den Teller. Auch Gemüse ist nur selten mit dabei. Wenn, dann immer in viel Fett angebraten und wohl eher der Farbe wegen.
- Bohnensuppe
- Bolinho und Saft
- Kneipe Realität
- Arabische Esfiha mit Ricotta
- Mercado Municipal, die zentrale Markthalle in São Paulo
- Leckere Fleischstücke mit viel Zwiebeln als Aperitiv
- Freiluftkneipe III
- Freiluftkneipe II
- Freiluftkneipe
- Arabische Esfihas, offen mit Fleisch, geschlossen mit Gemüse
- Mike´s Kneipe
- Schnellimbiss aus den 50er Jahren
- Brathähnchen
- Brathähnchens Beilagen: Reis, Pommes und Farinha
- Leckerer Torresmo, Schweineschwarte
Ach ja, der ganze Wettbewerb wird mit einer “Saideira”, einem feuchtfröhlichen Abschlussfest gefeiert. Gibt es ein besseres Marketing für deftig altmodisch fette Hausmannskost? Dann ist es für einen langen, köstlichen Abend so, als ob keiner seinen Chlorestrinspiegel kennt oder sich um den Blutdruck kümmert. Aber nicht nur die Kneipen profitieren. Die riesige Markthalle, der Mercadão in São Paulo zum Beispiel empfängt sonntags Touristen aus halb Brasilien, die da genau diese Art Essen genießen wollen. Sie nehmen eine riesige Schlange in Kauf, nur um das ach so gerühmte Mortadellasandwich, mehr Mortadella als Brot, wie die Sage geht, oder die nicht weniger berühmten “Pasteis de Bacalhau”, die mit Stockfisch gefüllten Teigtaschen zu verspeisen. Klar, wer will, kann sich sogar setzen und all die oben erwähnten Köstlichkeiten auch im Sitzen mit sehr viel Bier gegenbalancieren.

















































































































































































































































































