Heimspiel

7. Februar 2010

Wie sagte doch so klug Karl Valentin: Nur in der Fremde ist der Fremde wirklich fremd? Falsch, völlig falsch. Bei meinem letzten Heimbesuch jedenfalls beschlich mich, spätestens dann, als ich eine komplett neu designte Büroklammer vor mir sah, ein abgrundtief-unheimliches Gefühl der Fremde, beim Teetrinken noch verstärkt. Zwar kam er wie immer, wie hübsch, zusammen mit dem obligaten Kaffeesahnebehälterchen, aber was war denn das? Der patentgefaltete Teebeutel hing nicht mehr an diesem lächerlichen Faden, nein, auch er war funktionell durchgestylt. Kurz, man kann sich, oder zumindest ich, nach etlichen Auslandjahren auch auf heimatlichem Boden ziemlich fremd fühlen.

Das Fremdsein holte mich gleich auf dem ach so heimischen Flughafen ein. Mein Handy hatte ich absichtlich nicht mitgenommen, sollte nun aber telefonieren! Wie nur ohne das praktisch Allgegenwärtige? Nicht aufgeben – Durchhaltevermögen und Improvisation brauche ich jeden Tag in meiner neuen Heimat. Zu meinem Entzücken ist nichts davon nötig – eine vorausblickende Hand hat gleich hier am Flughafen so etwas veraltetes wie ein Münztelefon stehen gelassen!!!! Münzen in der jeweiligen Landeswährung habe ich für genau solche Zwecke immer im Handgepäck. Erinnere mich vage, dass die Vorwahlen geändert haben – verdammt, die guten alten Telefonbücher hängen nicht mehr da. Gott sei Dank erledigt sich das Unterfangen ganz von selbst, nicht ohne allerdings einen schönen Teil meines Kleingeldes verspiesen zu haben.

War auf meiner letzten Heimreise doch viel schlimmer: Stieg aus dem Flugzeug und sah mich einem völlig unbekannten, graugranittenen Szenario gegenüber. Edel, futuristisch clean, mit jener besonderen einheimischen Leere öffentlicher Bauten, die nur der perfekte Einklang von „Form follows Function“ in solch antrazitener Schlichtheit zelebrieren kann. Nur die brandneuen, betonnüchternen Bahnhofsunterführungen und Kreisel, die ich auf meiner Reise durchfahre, sind noch furchtbar-funktioneller. Puh, am Ende des granitenen Korredors stand, wie von ungefähr, ein futuristischer Shuttlebus auf Schienen. Blitzschnell erinnerte ich mich, scheinbar die Einzige unentschlossen Überraschte, daran, so fremd war ich doch wieder nicht, dass man hier nicht fragt, man kennt die Logik, weiß es einfach, man errät es! Reihte mich also, schnell und fast so selbstverständlich gleichgültig wie die anderen Passagiere, schon schloß die Tür, ins Bahnwunder ein, welches mich wunderbarerweise in zwei Minuten zum altbekannten Terminal brachte.

Das Fremdsein begleitet mich. Ach ja, hier ist das Toilettenpapier, auch auf öffentlichen Toiletten, fünflagig, natürlich wunderbar weich. Wie vielfältig die eingeprägten Blumengirlanden sind! Zudem, verzeihen Sie das unapettitliche Detail, darf ich es auch in die Toilette werfen und nicht in unapettitliche Kübel daneben. Im Supermarkt reicht dann mein Kleingeld gerade noch, um mir einen Einkaufswagen loszulotsen, allerdings nur, da sie überraschenderweise zweierlei Münzen akzeptieren.

Nicht dass ich mich nicht auch selbst fremd benähme. Gelingt es mir bis zum Ende meiner Reise nicht, mich souverän auf die Straße zu werfen, ohne mich zuerst umständlich einmal rundum von der Sicherheit meines Vorhabens vergewissert zu haben. Laufe dann aber doch bald los, wenn ich sehe, dass die Autos freundlich in den absurdesten Positionen für mich stoppen. Fühle gar eine eigenartige Genugtuung, als ein respektables Polizeiauto mir den Vortritt gewährt. Wenn das nicht zivilisiert ist!

Auf Schritt und Tritt wird mir klar, wie fremd mein Land geworden ist, oder besser kosmopolitisch. Allerdings dauert es, bis es mir selber dämmert, sehe mich in den verschiedensten Spiegeln und Spiegelungen, dass ich mit meinem warmen um Kopf und Hals geschlungenen Schal zwar die Kälte nicht spüre, meine Vermummung mich aber auch problemlos als orthodoxe Muslimin durchgehen ließe. Vielleicht doch nicht ganz die perfekte Verkleidung nach einem hiesigen, international ausgeschlachteten Verbot für Minarette…. .

Fremd und doch vertraut sind mir auch die vielen Hunde. Der erste Pinscher darf sein weltreisendes Frauchen laut jaulend schon auf dem Flughafen empfangen. Hier in Brasilien ginge es niemandem auch nur durch den Kopf, auch den verwöhntesten Schoßhund bis zum Supermarkt mitzunehmen. Hunde sind neuestens in ausgewählten Parks oder Shoppings erlaubt. Allerdings fehlen in Brasilien auch – noch – die giftgrünen Hundekackesäckchenspender. Auch die bissige Kälte scheint den hiesigen Hunden nichts auszumachen – in in Brasilien tragen fast alle Hundemäntelchen in den kälteren Wintermonaten. Hier wusseln alle sozusagen barfuß und ungeschützt im Schnee. An einem Samstagmorgen, es ist noch ziemlich früh, wird mir auch klar, warum hier alle Hunde so gut erzogen sind. Von ferne sehe ich einer ganzen Gruppe Hundebesitzer und ihren respektiven Hunden zu. Sie trainieren im frisch gefallenen Schnee, wie man, Hund und Hundebesitzer, an einem ganzen Kreis anderer Hunde und Hundebesitzer korrekt, das heißt, ohne auch nur hinzusehen, geschweige denn einen Muks zu machen, vorbeigeht. Müsste wohl mit meinen Hunden ein paar solcher Trainings besuchen.

Fremd ist mir auch die neue Postautostation, die ich aber sogleich, blitzschnell Jacke und Koffer an mich reißend, Gott sei Dank hat schon jemand „Halt auf Verlangen“ gedrückt, in mein Repertoire einverleibe und, wenn auch etwas aufgelöst, benutze. Nur die erste vieler Tücken mit Bus und Straßenbahn. Jede Stadt hat, was die Fahrkartenautomaten betrifft, ihre ureigene Logik, die sich Fremden wie mir nicht immer so auf weiteres selbst erklärt. Auch die überaus intelligenten Billet- (so heißen die Fahrkarten in meiner Heimat) Automaten der Bundesbahnen kann ich bis zum Schluss nicht so souverän bedienen, wie ihre Vorgänger, deren geheimnisvolle Logik man allerdings auch verstehen musste. Die neuen sprechen zwar auch Englisch, beanspruchen aber deutlich mehr Zeit, einkalkulieren! zuviele Möglichkeiten, bis sie sich schlußendlich dazu herab tun, ein Billet, pardon, Ticket auszuspucken. Mit Zeit und Geduld lösen sich fast alle Probleme. Meine nagelneue Fünfeuromünze, ich habe nur sie, werfe ich einfach immer und nocheinmal in den geduldigen Schlitz. Beim elften Mal erkennt er sie dann sogar als gültiges Zahlungsmittel an. Wichtig, denn ich hatte schon beim Herkommen gecheckt, dass zu dieser frühmorgentlich nachtschlafener Zeit noch alles geschlossen ist und die zur Arbeit hetzenden Menschen will ich auch nicht bemühen. Die unleugbaren Vorteile solch fortgeschrittener Technik lerne ich zu schätzen, als ausgerechnet der Fahrkartenautomat einmal – unerhört! ausfällt: Gott sei Dank sind wir zu dritt, ratlos und ohne Fahrkarte – hätte also im Notfall Zeugen. Kaum relaxt, zückt doch die dritte Zeugin, ein junges Mädchen, ohne zu zögern verwegen ihr Handy und fotografiert damit den toten Touch-screen! Einen perfekteren Beweis, inklusive Uhrzeit und Datum, gibts wohl nicht!

Beim Handy hatte ich leider nicht mit der liebevollen Vorsorge meiner Familie gerechnet. Auf mich wartete ein lokales Ding. Man kann mich nun immer genau dann erreichen, wenn ich gerade beim Gepäckherunterwuchten bin, nur zwei, äußerst knapp bemessenen Minuten habe, um umzusteigen! Nichts vergessen darf, nicht weiß, auf welchem Gleis der verdammte Anschlusszug ultrapünktlich abfährt, den Mantel einknöpfen muss und meine Handschuhe und den Schal richten. Sozusagen als Entschädigung beschert mir das Handy aber auch ganz ungewohnte Einblicke. Unbekannte, fremde Schicksale breiten sich vor mir aus, besonders dann, wenn in irgendwelchen halbleeren Zügen darüber ins Bild gesetzt werde, dass man sich Lamas als Haustiere halte, im Garten, ja. Sich aus deren Haaren gar schon Pullover habe fabrizieren lassen und auch gleich, wieviel das gekostet habe. Auch über Enten lerne ich, ungewollt, entscheidende Kleinigkeiten. Nur die Gespräche der „Segundos, der hier aufgewachsenen Italiener, Serben oder Türken, bleiben fragmentarisch. Ich verstehe immer nur das deutsche Viertel – sie wechseln, dem komplexen Schema einer Achterbahn gehorchend, gleich mitten in zwei Sätzen immer mal wieder die Sprachen, Deutsch-Italienisch/Türkisch/Serbisch, immer hin und zurück. Verschlüsselter, perfekter kodiert nur all die slawischen Sprachen, die neuerdings überall an meinem mehr oder weniger aufnahmebereiten Ohr vorbeiplätschern. Angenehmer als der Tochter-Mutter-Dialog im anteilnehmensten Sozialarbeiterstil, der sich die ganze Ausstellung lang immer wieder penetrant in mein Ohr schleicht. Von einer „Primeira“, einer Japanerin an der Hotelreception in Bayern, lerne ich gar Deutsch. Oder vielleicht Bayrisch? Sie tackert mir mit dem Tacker den Beleg gleich fix an die Rechnung. Das Wort hat sie, wie sie betont, von ihrer Dienstkollegin gelernt, nicht im Deutschkurs und spricht es wie takeln aus.

Fremd fühle ich mich, als mich gleich am Bahnsteig die bis auf die Zähne gepanzerte Schocktruppe der Polizei, Helme vorgeschnallt, empfängt. Fast fühle ich mich in irgendeinen Krieg der Sterne verstrickt. Kann es mir, wie unangebracht spontan, gerade noch verkneifen, den ersten, besten Polizisten zu fragen, wem das Aufgeboten denn gelte. Also in Brasilien hätte ich damit keine Sekunde gezögert. An der Hotelrezeption dann die Vermutung: Weihnachtsmarkt und ein Eishockeyspiel, Vorbeugen, oder besser Abschrecken, sei wohl besser als heilen. In eine überaus fremde, Lichtjahre entfernte Vergangenheit fühle ich mich zurückversetzt, als ich mich von einer schon ziemlich angeheiterten Gruppe Verbindungsstudenten schon wieder Vollmontur!, umringt sehe. Hat da einer gar einen Schmiss? Dachte, die seien, nicht nur die Schmisse, ausgestorben. Wollte eigentlich da, wo scheinbar deren Stammlokal ist, gerne ein Bier trinken.

Allzu bekannt sind andere Fremdheiten. Sollte mein Handy mit einem neuen Guthaben aufladen. Praktischerweise sehe ich gleich da vorne einen Laden. Trete durch die Glastür, sehe mich suchend um, und pralle auf die selben freistehenden Rundtheken, identisch gelangweilte Verkaufsberater und hilflos herumstehende Kunden, deren strafende Blicke mich belehren, dass ich auch hier ein Nummer brauche, um dann irgendwann bedient zu werden! Bin doch hier nicht in Brasilien! Strafender nur die Blicke der Fahrradfahrer, die sich auch von Schneechaos nicht beirren lassen. Nach dem dritten indignierten Blick merke ich, dass ich wahrscheinlich auf dem vom Pflotsch zugedeckten Fahrradweg gehe, der neuerdings die Bürgersteige abteilt, noch etwas fremd Gewönungsbedürftiges. Bin die soziale Kontrolle, die hier alle und alles einfordert, nicht mehr gewöhnt.

Als ich dann vor der Heimreise mein Gepäck schon am Vorabend einchecke, welch wunderbare Neuheit und, nicht so toll, Personaleinsparmaßnahmen, am Computerterminal Check-in machen muss, räche ich mich auf meine Weise: Schleppe am nächsten Tag, urbrasilianisch, ein Riesenteil von Handgepäck mit – ist ja keiner mehr da, mich daran zu hindern. Beim Zwischenstop allerdings hätten sie mich fast erwischt. Gehe ihnen Gott sei Dankl nur beim Einchecken in die Maschine nach Brasilien ins Netz. Wortlos bittet mich die Groundhostess, mein „Handgepäck“ doch lieber hier zu lassen, es werde im Flugzeugbauch mittransportiert.

Besser wohl nur die Versuchung, der ich in Zürich fast erlegen wäre. Der Check-in läuft auf vollen Touren, als die Frau des Sicherheitspersonals auftaucht, in der plastikbehandschuhten Hand einen handlichen Labtop. – Hat einer von Ihnen den hier vergessen? – Keine Reaktion, keiner klopft sich erinnernd an die vergessliche Stirn. Niemand! Mühsam halte ich meinen Arm unten – und so sie nimmt ihn halt wieder mit sich fort. – Man muss wohl in Brasilien leben, wo Computer immer noch sehr teuer sind, um mein Dilemma nachempfinden zu können.

Glücklich und nicht mal zu übermüdet wieder in São Paulo, schlüpfe ich in meine brasilianische Haut zurück. Dem übergroßen Handgepäck sei Dank gleich mit zwei Handkarren befrachtet, mache ich mich auf die Suche nach meiner Busgeselltschaft. Frage die unterschiedlichsten Personen, von der Putzmannschaft bis zum uniformierten Taxieinweiser, nach der sechsten Auskunft finde ich nicht nur den perfekt versteckten Fahrkartenschalter sondern auch den Abfahrtsstandort des Busses. Hat mal wieder gewechselt. Habe viel zu viel Zeit, muss deshalb nicht, wie das letzte Mal, mein Gepäck in der Obhut des Busfahrers zurücklassen, der wäre sonst ohne mich abgefahren, um rennend noch eine Fahrkarte zu kaufen. „Bem Vindo de volta“ im Land, in dem man sich sozusagen alles erfragen muss. Gibt es etwas Sympatischeres als einen kleinen Schwatz mit gänzlich Unbekannten?

Beim nächsten Einkauf werde ich endgültig zum König. Weise die vielen Plastiktüten mit dem beiläufig eingefloßenen Verweis zurück, dass ich soeben aus Europa zurück sei, und man da, wie ich hier, seine eigene Tüte mitbringe. Tüten, jede einzelne, müsse man da bezahlen. Staunend hören mir gleich alle sechs gerade nicht beschäftigten Kassiererinnen zu. Deren Monatslohn reichte wohl gerade für den Fünftel eines Flugtickets nach Europa. Wie privilegiert ich bin, dass ich sozusagen von beiden Seiten das Beste genießen kann!

Das Raumschiff

7. Februar 2010

- Was ist das denn für ein Raumschiff???? – Der junge Mann, immer sehr sympatisch, er arbeitet für das Fotokopiergeschäft, verspottet meinen Radiorekorder! Armer Apparat! Er gehört, ich gestehe es gerne ein, nicht zu den letzten Neuerscheinungen, spielt aber noch Tag für Tag CD hinter CD ohne zu eiern oder zu grochsen. Nur die Digitalanzeige gibt, langsam aber sicher, auf. Bestimmte Nummern errate ich eher als ich sie ablese. Für jemanden wie mich, auch nicht das letzte Modell, habe auf dem selben Apparat schon so viele Kassetten gespielt, dass dieses Laufwerk wirklich eiert – sehe keinerlei Veranlassung, ihn in Rente zu schicken. Nur wenn er eines lieben Tages selber den Dienst aufgeben wird. – Und ihr Auto? Schon gewechselt? – Der geht schon tiefer. Schließlich hat er mich kürzlich gesehn, wie ich, ziemlich schwungvoll, wahrscheinlich war ich etwas knapp oder gar zu spät, in eine Parklücke einbremste. Daher erinnert er sich an meinen Dynosaurier. Geliebter Fusca, ein VW, einer der letzten Käfer, bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hier in Brasilien in Lizenz gebaut. Wenn er es mit mir noch weitere 10 Jahre aushält, wird er, wer weiß, zum Oldtimer, eine Rarität, zum Sammlerstück! Inzwischen ist er mein bester Verbündeter, bewahrt mich, jeder kann ihn reparieren, vor allen möglichen Pannen und, noch besser, vor der „Panne“ Raubüberfall: er signalisiert es von weitem – nur Minderbemittelte fahren Fusca.

Was mir das Gespräch aber zeigt – langsam werde ich zum Exoten, oder ist Exzentriker sympatischer? Wenn ich ehrlich bin, ist es mir ziemlich egal. Erinnere mich an eine meiner Englischlehrerinnen. Eine waschechte Engländerin, die – by the way – vor ihrer Heirat als Krankenschwester gearbeitet hatte und den Beruf erst wechselte, als die Kinder ausgeflogen waren und sie als Expatriot etwas von ihrere Kultur weitergeben wollte. Wie reinblütig sie war, illustriert die Geschichte aus der psychiatrischen Klinik, wo sie gearbeitet hatte. Die Patienten mochten sie sehr gerne, besonders derjenige, der Spinnen halluzinierte. Einzig und allein sie konnte ihn beruhigen, wenn die Spinnen sein ganzes Zimmer besetzten. Sie nahm sich einfach eine Tüte. Steckte alle Spinnen, die sichtbaren und besonders die halluzinierten da hinein, und erwies damit dem Patienten einen unbezahlbarer Dienst, denn nun konnte er im ungezieferfreien Zimmer ruhig schlafen.

Ich erinnere mich an sie nicht dieser Großzügigkeit, sondern einer leichten Exzentrizität wegen. Sie erzählte uns einmal von ihrer Frustration, als sie einen neuen Radiorekorder kaufen musste. Der alte hatte seinen Dienst aufgegeben, war unreparierbar. So sehr an das quadratische, tiefschwarze Modell, der letzte Schei der 1960 er Jahre gewöhnt, dass sie sich nicht damit abfinden konnte, dass rund 20 Jahre später alle verfügbaren Modelle rund waren, silberne Raumschiffe, auch in keinem Lager fand sich ein viereckig schwarzer Kasten, was sie einfach unmöglich fand!!!

Später fahre ich, im Dynosaurier, an einem Minigeschäft vorbei und lese: Geschenke und NEUHEITEN! Das ist es!!!! Hier mögen sie nichts lieber als die neuesten Neuheiten! Da hilft kein Argumentieren, weder das Argument fehlender Finanzen, noch das der Konsumverweigerung. Am wenigsten die Beanstandung, dass all diese neuartigen Elektrogeräte viel zu viel könnten, zu viele Knöpfe, zu viele Funktionen, konfus und überflüssig. Meine Apparate sollen einfach zu bedienen sein und gut funktionieren. Kennen Sie ein einfacheres Auto als einen Käfer? Das selbe gilt für meinen Radiorekorder. Werde mir, eines Tages, dann, wenn sie endlich benutzerfreundlich sind, mit Freuden einer dieser elektronischen Spielzeuge kaufen, sie sich iPhone, iPode, Palm oder was weiß ich wie nennen, dann, wenn sie mir dienen und nicht ich ihnen.

Sehen Sie, wie bequem meine Exzentrizität ist? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie viel Zeit und Kopfschmerzen ich mir erspare, lassen wir das finazielle aus dem Spiel, wenn ich darauf warte, dass die Neuigkeiten ein weniger auskühlen? Mein silbernes Raumschiff jedenfalls sagt mir danke!

A nave espacial

30. September 2009

- Que nave espacial é essa? – O moço da copiadora, sempre muito simpático, puxa conversa em cima do meu do gravador! Coitado do aparelho! Confesso que não é o último lançamento, mas ainda toca CD após CD sem chiar nem grunhir, dia após dia. Só o painel digital está desistindo, devagarzinho, certos números adivinho. Mas para alguém que nem eu, também não o último lançamento – toquei, no mesmo gravador, muita fita cassete, só que essas chiam mesmo – não vejo razão nenhuma de aposentá-lo. Só mesmo se ele desistir. – E o seu carro? Já trocou? – Essa vai mais fundo! É que ele me viu uma vez, estava em cima da hora ou mesmo atrasada, entrar com certo ímpeto em uma vaga e desde lá lembra que ando de dinossauro. Um VW, um dos últimos Fuscas que foram produzidos, lá nos anos 80. Agüentando uns 10 anos a mais, ele já vira raridade, peça de colecionador! Mas por enquanto ele é o meu melhor aliado contra todos os tipos de obstáculos “transitais” – de quebra de motor até quebra de assalto.

Mas o que a conversa me revela – estou ficando por fora. Ou será que prefiro o termo excêntrico? E pior, não me importo muito com isso, não. Lembro-me muito bem de uma das minhas professoras de Inglês, uma verdadeira Inglesa que tinha sido – by the way – enfermeira antes de casar-se e só trocou de profissão depois ter educado os filhos. Era uma Inglesa de sangue, corpo e alma. De exemplo disso sempre me servia a história dela do hospital psiquiátrico. Os pacientes, ela contava, gostavam muito dela. Especialmente aquele cujas alucinações eram aranhas. O quarto todo dele ficava cheio delas e a única capaz de acalmá-lo era ela. Como? Simplesmente pegava uma sacola e catava todas as aranhas malvadas, as visíveis e especialmente as invisíveis, prestando um serviço inestimável ao coitado do doido que enfim podia dormir no quarto livre daquela praga. Mas não foi por essa grandeza e excentricidade que lembro dela. Foi, porque certa vez contou que precisava comprar um novo gravador, o velho tinha pifado, irreparável. De tão acostumada com o modelo dela, quadradíssimo, pretíssimo, era um dos últimos modelos dos últimos lançamentos dos anos 60, ela se espantou, enfim 20 anos mais tarde, que todos que eram disponíveis, eram redondos, naves espaciais prateadas, nem no estoque achava-se um preto e quadrado!!! Um fato que ela simplesmente odiou!

Mais tarde passo, de dinossauro, em frente da uma lojinha e leio: presentes e NOVIDADES! É isso!!!! Aqui, ao contrário da minha terra européia, eles gostam de uma novidade! Não adianta argumentar. Nem o argumento do tipo que não sou rica nem consumista e que a maioria dos eletrônicos é userunfriendly, simplesmente tem muito mais botões do que jamais vou precisar ou me interessem, cola. Exijo tão pouco dos meus aparelhos – bom funcionamento e manejo simples. Conheces um carro mais simples do que um Fusca? O mesmo vale para o meu gravador. Comprarei, um dia, até com prazer um daqueles brinquedos eletrônicos que se chamam iPhone, iPode, Palm, mas só quando eles me servirem e não eu a eles. E aí entra a excentricidade: Já pensou quanto tempo e dor de cabeça poupei, nem falo de dinheiro, esperando até que as novidades esfriassem um pouco? A minha nave espacial agradece.

Chuchu, der Aufsteiger

22. September 2009

Mein Chuchu ist ein echter Aufsteiger! Hat sich, sozusagen aus der Gosse, von ganz unten, von da, wo es weder Licht noch ein Vorwärtskommen gibt, zielstrebig hochgearbeitet, mit seiner ihm eigenen, rücksichtslosen Art. Er kennt weder Skrupel noch Vorurteile, hat ein einziges Ziel vor Augen: will jenen, von allen begehrten Platz, ganz dich an der Sonne! Will ihn ganz für sich allein, um jeden Preis und rücksichtslos. Klettert, koste was es wolle, hoch und noch höher, klammert, klebt, windet,strengt sich an, erfindet die absurdesten Hochseil- und die waghalsigten Balanceakte, wagt sich, tollkühn wie nur wenige, auf die schmalsten Zweige, die entferntesten Ästchen der allerhöchsten Bäume hinaus. Beteiligt sich, fast könnte man ihm Wahllosigkeit unterstellen oder fehlende Kriterien, an allen erreich-, greif- und verfügbaren Seilschaften, egal, wonach und wohin sie auch immer streben – Hauptsache ist himmelwärts. Lässt sich nicht die kleinste Unterstützung, den winzigsten Halt entgehen, teilt sich auf, ohne sich zu verlieren, schickt Späher aus und Vorhuten, streckt sich, macht sich ganz dünn, lang und noch länger, geht dabei die unwahrscheinlichsten, wagemutigsten Risiken ein, setzt sein Leben aufs Spiel, ganz ohne Netz und doppelten Boden in schwindelnden Höhen und über unglaublichen Abgründe, immer auf seinen Vorteil, seine Vormachtstellung und sein nicht geringes Ego bedacht, wo er, endlich angekommen, die grünste und unförmig deformierte Fruchtsamengemüseknolle produziert, die als das am wenigsten interessanteste Gemüse Brasiliens bekannt und verschrieen ist. Sozusagen eine kurzdick zusammengestauchte, grasgrün glänzende Gurke mit festem, hellem Fleisch. Böse Zungen sagen, dass Chuchu nach gar nichts schmecke, wässrig sei, allenfalls frisch, was aber den wohlwollenden Zungen gerade recht ist, denn nichts passt sich besser und ohne die geringste Widerrede jeglicher Zubereitungsart an – roh, gekocht, überbacken – bietet jeglicher Gewürzorgie geduldig die nötige Substanz oder Ausgangslage, als eben dieser sozusagen perfekt geschmacksneutrale Chuchu. Was allerdings dem Politiker, den sie seiner Farblosigkeit wegen mit einem Sorbet aus Chuchu verglichen, wohl genau deshalb die Wahl vergällt hat. Ach, und er soll übrigens zudem die perfekte Schonkost für Kranke und Rekonvaleszenten sein!

Botanisch gilt er als Epiphyt, als Schlingpflanze, denn er rankt sich an anderen Pflanzen hoch, ohne sie allerdings in ihrem Wachstum zu beeinträchtigen. Der Chuchu ist, nicht nur geschmacklich, mit der Gurke oder Zuchetti verwandt. Er ist aber bei weitem allemal die cleverste Rankenpflanze, die ich schon gesehen habe. Und deshalb bleibt er für mich der unverwechselbarer Superstar. Nicht nur, weil die Frucht, einmal ausgereift und einfach vom kurzen Stiel gefallen, auch gleich praktischerweise aus dem unteren Ende der Knolle eine neue Ranke sprießen lässt. Es reicht, wenn man sie mit dem neuen Sproß nach unten auf die Erde setzt, nicht mal eingraben muss man sie, schon gehts ruckartig los. Gleich wächst der neue Spross nach oben, sicher einen halben, einen Meter pro Tag. Wird, sozusagen über Nacht, zum nächsten Aufsteiger. Das zeugt von einer Fruchtbarkeit, die mir sozusagen sprichwörtlich scheint, denn der neugeborene Spross verfügt über genausoviel oder noch mehr Durchsetzungsvermögen, ist himmelstrebend, immer der Sonne nach. Es reicht ein bisschen Regen, der die Erde düngt, um in Rekordzeit eine surreale Ernte unter die handgroßen, vielzackigen Blätter zuhängen, eine hinter der anderen wie eine endlose Reihe etwas flachgedrückter Riesenglühbirnen, grün wie Marsmenschen. Womit sich der Zyklus schließt. Ob wohl meine kulinarischen Fähigkeiten der Fülle Herr werden? Neben Salat aus geriebenen Chuchus, drei oder vier, noch im Embriostadium und damit schön zart gepflückt, reichen schon für eine Mahlzeit. Muss wohl zu anderen Mitteln greifen, um den Aufsteiger zu meistern. Vielleicht gar zur sozusagen brasilianischen Methode: Sie einfach sich selber überlassen und nur hie und da einen ganz Vorwitzigen ausreißen und, halt nein, auf den Kompost darf ich den ja nicht werfen, sonst…… . Stelle mir schon meinen ganzen Garten chuchuüberwuchert vor! – Ja, Aufsteiger haben es nun mal in sich!

Das betrunkene Schwein

18. September 2009

Neuerdings haben ihn viele, besonders die Überängstlichen, immer gleich griffbereit in der Tasche. Ziehen ihn ohne die geringste Scheu hervor und auch in fast allen öffentlichen Gebäuden ist er sozusagen über Nacht aus den Wänden und Tischen geschossen – der Alkohol nämlich. In niedlich handliche Miniplastikfläschchen verpackt, findet er in jeder Handtasche, Schultüte und jedem Aktenkoffer Platz. Wie wahnsinnig effizient Brasilien sein kann! Sozusagen über Nacht haben sich alle mit Alkohol aufgerüstet. Nein, sie sind nicht plötzlich zu einer Nation von Alkoholikern geworden, im Gegenteil. Bald wird Brasilien sowieso zur suchtfreien Zohne erklärt worden sein. Nachdem nun endlich letztes Jahr der Blutalkoholpegel am Steuer unter Strafe gestellt wurde, galt das Aus kürzlich den Rauchern: Im ganzen Staat São Paulo darf nun sozusagen von vorgestern auf gestern in keinem öffentlichen Gebäude, keiner Bar, keinem Shopping und schon gar in keiner Firma mehr geraucht werden. Schluss, aus, Asche. Keine Lungenzüge mehr, keine Kippen, die Aschenbecher haben sich sozusagen in Rauch aufgelöst. Die Intellektuellen müssen sich eine neue Muse und einen anderen Inspirationskick suchen. Die Fiskalisierung und Kontrolle des neuen Gesetzes ist übrigens genial einfach und genial effizient. So wird, beim geringsten Rauchzeichen auf frischer Rauchtat ertappt, nicht etwas der rauchstinkende, nikotingelbe Sünder bestraft, sondern die Firma, die Bar oder das Restaurant, die ihn rauchen ließen….. .

Auch die Suchtgefahr beim Alkohol ist weitgehend unter Kontrolle, trotz furchbar billiger Cachaça. Beim Alkohol, neuester treuer Begleiter in allen Lebenslagen, handelt es sich um reinen Alkohol, 99,3%, steht auf der unscheinbar transparenten Plastikflasche, die in keinem brasilianischen Haushalt, und neuerdings als praktischer Spender in keinem öffentlichen Gebäude fehlen darf. Zudem wird er nur als Gel kommerzialisiert. Reichlich auf Wischtücher aufgetragen, desinfiziert er sozusagen alles, Böden, Fenster, Badezimmer und neuestens und hochaktuell auch alle Hände, besonders die Händer Hysterischer. Und hysterisch sind viele. Es könnten ja ausgerechnet ihre Hände sein, die schweinischerweise voller Schweinegrippenviren sind! Wupps, und im Nu hat ihnen der Alkohol den Garaus gemacht. Im Supermarkt soll der Alkohol gar ausverkauft gewesen sein, so weit verbreitet war die schweinische Hysterie. Als Sofortmaßnahme Alamstarke 10 wurde der Schulanfang aller öffentlicher und privater Schulen um zwei endlos lange Wochen, es soll sogar Kinder gegeben haben, die freiwillig, unaufgefordert und alleine zu lernen begannen, so öde war ihnen ohne Schule, hinausgeschoben worden. Alles, um die angekündigte Epidemie, die sich schon die tödlich infiszierten Hände rieb und eigentlich Millionen dahinraffen wollte, die Hände, sozusagen ihre Nahrung, oder besser ihre Opfer zu entziehen. Wurde doch nicht von ungefähr neben der stündlichen Desinfizierung mit Alkohol auch empfohlen, sich die Hände weder in den Mund noch in Augen oder Nase zu stecken! Und daran haben sich alle, nochmal Schwein gehabt, scheinbar auch gehalten. Und so, Alkohol sei Dank, ist es uns gelungen, das schweinische Grippeschwein zu alkoholisieren und aus dem Verkehr zu ziehen, denn nun sind auch schon die Zeitungen wieder Schweinegrippe frei.

Schwein gehabt? Ich jedenfalls kannte keinen, der sich angesteckt hatte. Kenne aber, nur so als Vergleich, gleich mehrere Leute, die schon überfallen, ausgeraubt, bestohlen oder schlimmeres wurden. Wo bleibt da die soeben auf so eindrucksvolle Weise gezeigte brasilianische Effizienz? Noch eins der wohl ungelöst bleibenden brasilianischen Rätsel! Habe übrigens schon eine ganze Sammlung davon!

Die Nummer

12. August 2009

Hatte so um die dreißig Minuten veranschlagt – nicht schlecht geschätzt, stelle ich fest, denn ich komme nach 35 Minuten wieder aus der Bank heraus. Dazwischen liegen ein geliehenes Schlüsselchen, nicht mal ein Pfand musste ich bezahlen, zwei „Senhas“ – eine Art Nummer, die mir den Platz in der Schlange sichert, ohne dass ich anstehen muss und zwei verschiedene Reihen von Sitzen, wo ich warten oder mich gar ausruhen kann. Als Krönung gelang es mir, die eigentliche Angelegenheit, sie nahm nur ca. frei Minuten in Anspruch, problemlos im ersten Anlauf zu lösen. Eine Bilanz, die mir geradezu angemessen erscheint, hält man sich die damit verbundene Bürokratie einer Staatsbank vor Augen.

 Aber gehen wir, schön bürokratisch, der Reihe nach vor. Die erste Hürde stellen die Öffnungszeiten dar. Auf der ganzen Welt öffnen die Banken nur zwischen 10h00 und 16h00 Uhr, da kommt also nur die Mittagszeit in Frage. Angekommen, überrascht mich, wie gut die Bank besucht ist. Es sind doch Semesterferien! Auch die ersten zehn Tage des Monats sind schon vorbei, bekannt für die endlosen Warteschlangen mit den entsprechenden Wartezeiten, ganz Brasilien scheint seine Rechnungen bis zum Zehnten des Monats bezahlen zu müssen.

Als zweites echtes Hinderniss entpuppt sich die Drehtür mit dem hochsensiblen Metalldetektor. Schon gleich beim Eintreten öffnet der Wächter mir seine Durchreiche in der kugelsicheren Glastür, damit ich meine Autoschlüssel in den Behälter hinter die Glaswand plumpsen lasse, aber das reicht nicht. Die elektronische Stimme stoppt mich auch dann, wenn ich mich kaum der Drehtür genähert habe. Der Wächter, schon längst dran gewöhnt, schließlich macht er die Tour alle zwei Minuten, empfängt das Handy, meine gesammten anderen Schlüssel und wieder nichts. Bevor ich auch nur ärgerlich werden kann, streckt er mir auch schon durch das Klappfensterchen die Lösung, einen kleinen Schlüssel mit der handgebastelten Nummer Eins entgegen, und weist auf die Schließfächer zu meiner Linken. So lasse ich nun alles, was ich trage, da, es fehlt nur der Gürtel, ob die Metallschnalle wohl…, erinnere mich gerade noch rechtzeitig, dass ich sicherlich irgendeinen Beweis meiner Identität mitbringen muss, und dann endlich gelingt es mir sogar, fast nackt, ins Innere des Heiligtums vorzudringen. Später höre ich mit halbem Ohr, dass sogar das Metall der Münzen in der Geldbörse den Alarm auslöse.

Ha, ha, klar, bin erst bei Hinderniss drei angelangt! Ja richtig, ich brauche eine Nummer! Gottseidank habe ich mich noch daran erinnert, sonst könnte ich wohl stundenlang hier herumsitzen, ohne auch nur gesehen zu werden. Ich blicke mich suchend um, ach ja, hier der Bildschirm: Wählen sie irgendeine Nummer, denn ich weigere mich ja, hier ein Konto zu haben. Folge den Instruktionen, Gott sei Dank verstehe ich Bankisch – aber was wohl ein Analfabet oder ein Ausländer macht? und schon spukt das Ding ein Nümmerchen, eine „Senha“ aus. Bin so glücklich beim vierten Hinterniss angelangt, denn wo nur werden sie meine Nummer anzeigen oder aufrufen? Bling, blong, aha! Nein, falscher Alarm. Auf dieser Leuchttafel erscheinen die Nummern der Kasse, wie ich spätestens beim zweiten Nümmerchen lerne. Die Nummern, die meiner ähnlicher sehen, leuchten da drüben auf, es gibt, was für ein Glück, nur etwa fünf Nummern vor mir. Setze mich auf einen der vielen Wartebänke und wundere mich mal wieder, wie demokratisch doch so eine Bank ist. Es gibt der Mann der ausgelagerten Putzmannschaft, leicht an seiner unförmigen Uniform zu erkennen, die schicke Sekretärin mit der teuren Designertasche, deren eingewobene Initialen ich nicht kenne. Sie kostet sicher doppelt so viel wie der Putzmann pro Monat verdient. Bling, blong, drei Personen vor mir. Es gibt einen Afrikaner, erkenntlich an seiner farbigen Landestracht, und viele andere. Alle, wirklich alle, müssen auf den selben blauen Stühlchen in der selben vom Computer nummerierten Schlange warten. „Urban Riders“ und „Adidas“, „Legend“, „Sumit“, „Unicef“ und „Factor“, „D&G“, „Nike“ und „Atitude“ – vertreibe mir die Zeit mit mehr oder weniger inspirierten oder kopierten Aufschriften und Labels auf T-Shirts, Rucksäcken, Taschen, Turnschuhen und was weiß ich wo. Hoppla, nun bin ich dran – wo wohl Tisch 10 ist? Aber schon taucht da Hinderniss Nummer fünf auf: Das Dokument, das beweisen soll, dass ich ich bin, ist nur eine autorisierte Kopie, kein Orginal. Also den ganzen Weg zurück bis zum Schließfach, der Führerschein gilt Gott sei Dank auch. Haben Sie schon ein Nümmerchen für die Kasse? (Wohl Hinderniss sechs!) Wie gut, dass sie mich darauf aufmerksam macht! Mit dem zweiten Nümmerchen in der Hand lerne ich, dass es nun die andere Anzeigentafel ist, deren Bling-blong mir anzeigt, wenn ich dran komme. Während ich warte, verhelfe ich einem Mann zu seinem Nümmerchen, er kann kein Bankisch, und schon werde ich zur Kasse gerufen, wo ich dreimal unterschreiben muss, ein Blatt für mich, das zweite bleibt auf der Bank und das Dritte geht, zusammen mit einer Fotokopie meines Führerscheins zum Mikrofilmen, so die Auskunft auf meine neugierige Frage.

Uff, nicht vergessen das Schlüsselchen wieder durch das Fenster zurück zu reichen. Aber positive Billanz, all das hat nur 35 Minuten gedauert! Guter Schnitt, nicht wahr?

Hühnerfüße

12. August 2009

Eigentlich bin ich nur unserer Hündin wegen so richtig auf die Hühnerfüße gekommen. Denn nichts liebt sie mehr als Huhn! Bereitet irgendjemand irgendwo, irgendein Huhn zu, stellt sie sich sogleich, sich die freiwerdenen Düfte genießerisch in die Nase ziehend, auf eine längere Belagerung des Kochherdes ein. Nur ein paar anfallende Brocken, die den Weg in ihre Schnauze finden, bringen sie dazu, endlich klein beizugeben.

 Bemerkt haben wir diese so klare und einseitige Vorliebe allerdings erst, als sie einmal sehr krank war. Zu unserer Verzweiflung wollte sie einfach gar nichts mehr fressen. Die Tierärztin, sie liebt sie bis heute innig dafür, schlug dann Huhn vor. Das entpuppte sich dann also so unwiderstehtlich, dass sie einfach wieder gesund werden musste.

 Aber verstehen sie mich nicht falsch. Unsere Hündin ist kein Hühnerbrüstchen-Luxushund, nein. Sie, und die anderen auch, fressen jeden Tag eine Mischung aus viel Vollkornreis, viel Gemüse und wenig Fleisch oder eben Huhn. Und immer wieder mache ich ihr die Freude, kaufe ein Suppenhuhn, das ich dann zusammen mit dem hier mitgelieferten Hals und Kopf, dem Magen, der Leber und den zwei Beinen, je nach Glück können es auch mal zwei Köpfe und ein Bein oder zwei Lebern und kein Magen sein, zu einer appetitlichen Brühe koche, mehr nicht.

Als ich aber kürzlich beim Metzger, nicht im schicken Supermarkt, ein eher populärer Laden, in der Schlange stand, kaufte eine Frau vor mir ausgerechnet – Hühnerfüße! gleich ein ganzes, im transparenten Plastiksack durcheinander liegend, eher surreal aussehendes Kilo davon! Kulinarischen Experimenten nie abgeneigt, kaufte ich gleich auch ein Pfund, wobei natürlich auch der ausgesprochen günstige Preis eine Rolle spielte. Zu meiner Überraschung gab das krallige halbe Kilo eine wohlriechende Suppe, die beim Abkühlen interessanterweise gallertartig fest wurde. Wie auch immer – das damit zubereitete Hundefressen war ein voller Erfolg! Noch größer war die Überraschung, als mir die Empregada bei einem weiteren Versuch vorschwärmte, was für eine ausgezeichnete Suppe ebendiese Mistkratzerfüße abgäben! Ihre Familie möge sie sehr gerne!

Und so kaufe ich jetzt immer wieder krallige Hühnerbeine. Kürzlich ist mir gar aufgefallen, dass bei dem dem bleichen Duzend fein säuberlich auf einer hellgrünen Isoporschale arrangierten und mit Plastikfilm abgepackten hühnerhäutigen Hühnerfüßen schon gar vorsorglich, eine nach der anderen, die Krallen abknipst worden waren!

Geschmack und Essgewohnheiten sind nun mal kulturell! Was sich am Beispiel Huhn sehr gut illustrieren lässt. Hühnerleber, die ich, ich gestehe es, über alles liebe und sie deshalb meinen Hunden immer vor der Nase wegesse, ist in Brasilien, im Gegensatz zu Hühnerherzen, nämlich überhaupt nicht begehrt und sehr billig! Hühnerherzen dagegen sind im Verhältnis sehr teuer – eine wie ich finde reichlich gummiartige Delikatesse, die bei keinem Grillfest fehlen darf. Auch werden sie, eins längs hinter dem anderen auf lange Spieße gesteckt und durch und durch hartgummig gegrillt, in allen Churascarias angeboten.

 Exotischer nur die riesigen, weißgelblichen Berge aus kleingeschnittenem Fett, die ich schon immer schulterzuckend in den Metzgereien bewunderte. Bis irgendwann der Groschen fiel! – „Toresmo“ -, krokant gebratene Würfel aus ebendieser Schweineschwarte, werden bis heute besonders als Vorspeise zur Feijoada gereicht. Schmecken lecker, besonders wenn man, ganz in Richtung Slow- und Regional-Food, wie bei den Hühnerfüßen nicht unbedingt daran denkt, was man denn gerade isst.

Vom Bedient werden

12. August 2009

Uff!!!! Der 5 Kilosack Reis für die Hunde! Den hat er zuunterst hineingetan! Den werfe ich doch immer lose ins Auto. Mensch, wird ja wohl tonnenschwer sein, meine Einkaufstasche! Gut, die einzelnen Avocados und den Bund Bananen hat er wenigstens aufmerksam obenauf gelegt – wenigstens wird nichts verquetscht. Fast hätte er sie, wupps, eingetütet, natürlich für die Avocados eine und für die Bananen eine andere Tüte. Kann es ja eigentlich verstehen – bin wohl die einzige, die ihr Obst und Gemüse und fast alles andere, besonders das schon verpackte, lose nach Hause trägt!

Erwische mich selbst beim Rummäkeln! Dabei wurde ich soeben höchst vorsorglich von vorne und von hinten bedient! Ob das wohl an meinen deutlich grauer werdenden Haaren liegt? Oder an den immer gehobeneren Ansprüchen der illusteren Kundschaft?

Wie auch immer – auch nach über zehn Jahren kann ich mich immer noch nicht so richtig daran gewöhnen, dass mir ein junger Bursche, ganz ungefragt, die Einkaufstasche packt. Irgendwie habe ich es auch bisher immer geschafft, den befließenden Jungen irgendwie zu entkommen. Normalerweise reicht es schon, wenn ich auf meine ach so praktische Armeleute Einkaufstasche aus grell gestreiftem Plastik weise. Frustriert verzichten dann die emsigen Hände darauf, mir zu helfen. Leider liegt sie immer zuunterst im Einkaufswagen, und wenn ich nicht wirklich aufmerksam bin, haben sie schon die ersten Dinge eingetütet. Ich lasse es mir aber, was für eine Rummäklerin! nicht nehmen, die gleich wieder auspacken, was zu noch größerem Erstaunen führt.

 Nun aber stehen sie, allzeit bereit, hinter fast jeder Kasse. Vor sich, vorausblickend, gleich eine ganze Batterie schon aufgefächerter Plastiktüten im Anschlag, die jegliche vor ihnen auftauchenden Einkäufe ganz automatisch und ganz nach dem Motto: Ein bis zwei Einkäufe pro Tüte sind mehr als genug! zu verschlingen scheinen. Bei mehr könnte dieselbe vielleicht reißen! So wird Fleisch hier, wie aufmerksam, gleich dreimal verpackt, doppelt schon vom Metzger und dann gleich nochmal mit einer der obligaten Tüten, denn es könnte ja irgendein Blutstropfen auf andere, ebenfalls mindestens ein- oder zweifach verpackte Lebensmittel fallen.

 Wie auch immer. Im Moment schlage ich das andere Angebot noch aus, mir den vollen Einkaufswagen bis zum Auto gleich vor dem Geschäft schieben zu lassen und mir da beim Einladen zu helfen. Allerdings bereue ich es diesmal fast – die Tasche ist wirklich tonnenschwer! Da mein uralter Volkswagen nur ein Zweitürer ist – wie sie sehen, auch damit bin ich ein bisschen, das Alter hilft sicher nicht, eigen! – muss ich sie dazu noch durch die Vordertür auf den Hintersitz schwingen. Aber noch reichen meine Kräfte dazu aus. Überhaupt, wer hilft mir denn zu Hause beim Ausladen? Auch keiner! Ein bisschen Krafttraining tut einem immer gut!

Papaya macho und andere Tiere

12. August 2009

Die Stimme meiner Nachbarin überschlägt sich fast vor Aufregung. Ich bin über ihr Klingeln etwas erstaunt, es ist bald halb zehn, eine stockdunkle Nacht. Aber nichts hält sie. Sie kann es nicht für sich behalten. Erzählt mir, dass sie soeben, da an unseren Lichtmast geklebt, ein Faultier, ein richtiges Faultier gesehen hätten!!! Ein Faultier? Hier in unserem Wohnquartier? Ich finde das, ich gestehe es gerne ein, reichlich seltsam. Es gibt auf unserem Grundstück ziemlich viele Bäume, aber ein Faultier, das sich nachts hoch auf einem Lichtmast zur Schau stellt? Ich habe schon, auf öffentlichen Plätzen in kleinen Städten im Landesinnern Faultiere, eine Art Stadtmaskottchen, in den hohen Bäumen hängen sehen, aber soviel ich weiß, sind sie nicht nachtaktiv. Interessiere mich, wie die meisten Ausländer, für die lokale Fauna und Flora. Ob es sich nicht vielleicht, möglicherweise, um ein Stachelschwein handle? Die gibts hier nämlich. Sie hatten uns kürzlich zweimal hintereinander Besuch abgestattet. Waren in das von unseren Hunden so gut verteidigtes Revier eingedrungen. So gut und so furchtlos abgegrenzt, dass der eine, seine Nase war wohl zu vorwitzig, 17 lange Stacheln ins neugierig weiche Fleisch getrieben bekam. Die Tierärztin musst sie mit der Flachzange und erheblichem Kraftaufwand rausreißen, so fest saßen sie in der ganzen Schnauze fest. Glücklicherweise hatte er nicht zugebissen. Aus dem Rache und der Zunge ließen sie sich noch schlechter entfernen, lernten wir.

 Aber zurück zu unserem vermeintlichen Faultier. Denn gefälscht war es wirklich. Ich hatte mich noch nicht zu der kleinen, bewundernd hochschauenden Menschenansammlung gesellt, als der Sohn der Nachbarin auf uns zugelaufen kam und bedauernd sagte: Es ist davon geflogen! Soeben ist es davon geflogen! Damit wurde das vermeintliche Faultier zu einem höchst eigenartigen Vogel, aus der Beschreibung mit großer Wahrscheinlichkeit abgeleitet, einem Urutau. Unbeweglich klebt er sich so geschickt an einem Baumstamm oder Strunk, so gut getarnt, dass er sozusagen unsichtbar damit verschmilzt. Seine einzige Aktivität besteht darin, seinen Rachen die ganze Zeit offen zu halten, so weit wie ein Scheunentor, was viele Insekten anlockt. Ist sein Schlund dann voll, verleibt er sich die ganze Pracht einfach ein. Er soll so unbeweglich bleiben, dass man ihm seelenruhig einen Finger in den offenen Schlund stecken könne. Was ihn aber noch faszinierender und unheimlicher macht ist sein nächtlicher Ruf. Eine Kadenz von vier abfallenden Tönen, die er nach dem Einnachten in langen Abständen immer wieder ausstößt, allerdings nur im August und September.

 Das Stachelschein versetzte übrigens meinen Mann in ähnliche Aufregung, eine exotische Mischung aus Furcht, Bewunderung und Angst, wie das Faultier die Nachbarin. Beim Stachelschein ein wenig verständlicher, glaubt man hier doch, dass das Stachelschwein seine Stacheln weit um sich schleudere, genau in die Richtung seiner Feinde! Davon hatte ich natürlich nicht die geringste Ahnung und wollte den unerwarteten Besuch, das putzige Tierchen, ganz kaltblütig fotografieren, was von weitem nun mal nicht geht. Das führte zu einem lustigen Dialog, denn gleichzeitig feuerte er mich an, um mich dann sogleich wieder zurück zu pfeifen. Ich kann sie aber beruhigen, mir schleuderte es keine einzige Stachel ins Fleisch, und es gelang mir sogar, welch Wunder, ein einziges, brauchbares Bild von ihm zu schießen! Auch rollte es sich nicht mal zusammen. Kletterte nur geschickt den Mamoeiro macho (Papayabaum) hoch, dessen hohler Stamm seinem Gewicht überraschend gut Stand hielt. Löste sich, am Ende angelangt, unerklärlicherweise sozusagen in Luft auf.

Mein Bild stimmte übrigens in keiner Art und Weise mit dem im Internet recherchierten Material überein. Schade, aber es erstaunt nicht. Denn nichts ist schwieriger, als fundierte, nicht reißerische Information über so kommune Tiere der heimischen Fauna zu finden.

 Aber nicht nur das Faultier entpuppte sich als Fälschung, eine fast genauso wundersame wie automatische Verwandlung erlebte der kleine Affe. Er sei von der Größe einer Ratte, habe auf dem trockenen Ast eines toten Baumes gesessen, sei von bräunlich Farbe und habe Samen oder eine Frucht gegessen, die er sich zierlich mit beiden Pfoten zum Mund geführt habe. Dazu habe er sich seinen buschigen Schwanz bis über den Kopf hochgestellt. Diesmal zweifelte ich nur im Geheimen. Besonders der hoch über den Kopf erhobene Schwanz schien mir etwas suspekt. Aber auch, dass ein Äffchen sich eine trockene Frucht scmecken ließ, wo doch gleich daneben der Mangobaum voller köstlicher Früchte lockte? Aber Affen gibt es hier in der Gegend, und wer ihn sah, kommt schließlich vom Land! Vielleicht war er auch jemandem abgehauen! Wie auch immer – wunderhübsch sei er gewesen!

Es dauerte ein paar Tage, bis ich ihn auch sah. Er war wirklich so groß wie eine Ratte, hatte seine beiden Pfoten zierlich zur Schnauze hocherhoben, hatte einen überaus buschigen Schwanz, hoch über den Kopf hochgestellt und auch die Farbe stimmte. Glitt behende über eine Astgabel, genau in mein Blickfeld und war, wie simpel, ganz einfach ein Eichhörnchen! Diesmal war ich die, der es an der entsprechenden Bildung fehlte. Hätte geschworen, dass es in Brasilien keine Eichhörnchen gäbe, aber die schnelle und diesmal effiziente Internetrecherche belehrte mich eines besseren. – was niedlich ist, zierlich und ohne Harm, bekommt bald seinen Eintrag. Sind die Viecher aber, wie z.B. die vielen unscheinbar komunen Spinnen mit ihren interessanten röhrenförmigen Wohnhöhen am Rande des Netzes, oder die tausenderlei Ameisen, die wohl nur ein Spezialist identifizieren kann, hässlich oder Angst einflößend, muss man sie wohl eher unter Schädlingen oder so suchen. Auch mit dem wunderschönen, durch Gift totkranken Käuzchen ging es mir so. Nicht mal der Tierarzt konnte mir mehr sagen, als dass es sich um ein Käuzchen handle. Wusste weder seine Gewohnheiten, noch genau was es fraß.

 Schlimmer nur im Norden des Landes. Hier hat man generell vor allem, was kreucht und fleucht, Angst. Und je weniger Bildung die Leute haben, umso wahrscheinlicher, dass sie alles, was ihnen unheimlich ist, töten wollen, was man z.B. bei dem kopfüber unter das Vordach gehängten Fledermauspaar – Die saugen doch Blut! – ja noch irgendwie verstehen kann.

Weniger verständlich ist es aber bei der wunderschönen Schmetterlingsfliege, die nicht mal ein Spezialist genau identifizieren konnte. Ich war im Zentrum von Manaus unterwegs, als mich eine Frau voller Eckel auf ein schreckliches Tier mitten auf meinem T-Shirt aufmerksam machte. Sie hätte es am liebsten gleich zermalmt. Aber ich war entzückt. Gelb-schwarze Flügel mit einem großen gelben Klecks auf der schwarzen Hälfte, der Körper oben blauschillernd und unten leuchtrot. Ansehen – vom T-Shirt auf den immer gegenwärtigen Regenschirm locken und fotografieren, war eins. Wupps flog es dann einfach davon, aber ich hatte ja das Foto. Habe es gar nicht im Internet versucht, denn nur mit einem Foto…. . Bin allerdings überzeugt, dass es, Disney sei Dank, tausendmal einfacher ist, alles über die Lemuren von Magadaskar heraus zu finden, viel einfacher als über ganz gewöhnliche lokale Fauna. Aber da es einen Insektenspezialisten in der Familie gibt, habe ich ihn um eine Identifikation meines Schmetterlings, oder war es wohl eine Fliege? gebeten – auch er wusste aus dem Stegreif nicht so genau, um welches Tier es sich handle, zu viele unterschiedliche Insekten gibt es im Amazonas, er tippte aber auf eine Wespe!

 Wie auch immer. Fehl nur noch zu klären, warum der hier zur Abwechslung sehr präzise Volksmund meinen Mamoeiro „Mamão macho“, die männliche Papaya, nennt. Ganz einfach, das weiß doch jeder, der vom Land kommt! Er produziert zwar unzählige blasste Blüten, die nicht befruchtet werden und alle als reicher Segen abfallen, aber nie Früchte. Macho! Trotzdem gibt es ohne ihn keine Papayas, denn er befruchten alle anderen Papayas in der weiteren Umgebung, so ist das nun mal bei zweihäusigen Pflanzen. Die kleinen, unscheinbaren Blüten stehen dazu im guten Ruf Heilkräfte zu haben. Wenn man daraus einen Sirup kocht, soll er gegen Husten helfen.

 Der tollste Ausrutscher aus dem Tier- und Pflanzenreich beging allerdings ein männlicher Besucher. Lobte die wunderschön entwickelten Früchte meines Farns. Krampfhaft suchten wir meine Farne nach irgendwelchen Früchten ab, konnten uns aber nichts darunter vorstellen, geschweige denn sehen. Er löste das Rätsel, indem er auf den Mamoeiro, den Papayabaum hinwies, diesmal eine weibliche, wie die an langgezogene Brüste erinnernden Früchte mehr als bewiesen!

Verkehrsunterricht

13. Juni 2009

- Verkehrsunterricht – das Spruchband fällt mir wegen der Einmaligkeit seines Angebotes auf. Es ist mir sofort klar, dass es sich nicht um eine Autofahrschule handeln kann. Aber wie um Himmels willen wäre es möglich, jemandem etwas über ein so monstruoses Monster wie den brasilianischen Verkehr beizubringen? Wie immer werde ich aufgeklärt: Es handelt sich ganz einfach um Unterricht, gedacht für Leute – verzeihen Sie mir das Vorurteil, wohl in der Mehrzahl Frauen – die zwar den Führerschein gemacht haben, in einem Land mit prekären öffentlichen Verkehrsmitteln eine Notwendigkeit, aber aus irgendeinem Grund, und ich zweifle keine Minute, dass es tausende davon gibt, sich nicht trauen, ihr Auto selber zu fahren oder fahren dürfen. Weil man aber in einem Land wie diesem, voller Gauner und Banditen…., eine so wertvolle Last wie eine Ehefrau und Mutter aber auch nicht irgendeinem hergelaufenen Taxifahrer anvertrauen kann, an einen hundsgewöhnlichen Bus ist gar nicht zu denken, wird sie immerzu vom aufmerksamen Ehemann, der Tochter mit dem latent schlechten Gewissen oder der überaus hilfbereiten Schwiegertochter herumchauffiert – verzeihen Sie mir nocheinmal die schon im Voraus festgelegten Konzepte – was für alle Beteiligten etwas lästig ist. Wie wärs also mit einem solchen Kurs?

 Ich selber bin nicht die am besten geeignete Person, um anderen existierende oder fehlende Fahrkünste anzukreiden. Ich fahre fast überall mit gewissen Schwierigkeiten und der Einschränkungen. Ultra, mega, super und extrem riesigen Städte wie São Paulo werde ich nur dann mit dem eigenen Auto befahren, wenn die GPS auch für meinen Geldbeutel erschwinglich geworden sind und ich mich dieser so gescheiten wie unsichtbaren Stimme anvertrauen kann, folgsam wie ein Schaf das seinem Hirten vertraut, ohne Angst mich zu verfahren oder gar vom Bösen Wolf verschlungen zu werden. Endlich werde ich dann meine ganze Energie auf das Chaos um mich herum konzentrieren können, ohne mich von der verzweifelten Suche nach nicht existierenden, verdeckten oder nichtssagenden Schildern ablenken lassen, oder an so generellen Hinweisen wie Zona Norte, Sul, Centro zu verzweifeln.

 Das Stück Schokotorte vor mir habe ich mir redlich verdient! Ich bin durchgekommen! Habe die Prüfung bestanden, die man jetzt machen muss, wenn man den Führerschein erneuern will. Lichtjahre früher, mit etwas mehr als zwanzig, bestand ich die Prüfung im Blind-Schreibmaschinen-Schreiben. Wie unschuldig war ich, als ich dachte, dass das wohl die letzte Prüfung meines Lebens gewesen sei. Was für ein fürchterlicher Irrtum! Welche abgrundtiefe Illusion! Hier in Brasilien sammle ich die absurdesten Zertifikate und Zeugnisse, die unter anderem beweisen, wie sehr man hier in Brasilien an Papier, Stempel und schnörklige Schrift glaubt! So werden zum Beispiel öffentliche Angestellte nicht nach Eignung oder Vorbildung ausgewählt, sondern über eine nationale Prüfung, die je nach Stelle schwierige bis sehr schwierige Grammatik und Portugiesischaufgaben umfasst……. .

 Aber genug ausgeschweift. Zurück zur Schokolandentorte. Es begann mit einem neuen Verkehrsgesetz, das kürzlich, von oben nach unten auf überaus autoritäre Art und Weise über Nacht in Kraft gesetzt wurde. Ein Gesetz, noch eins! das Brasilien sozusagen von gestern auf heute auf Erste-Welt-Niveau bringen soll. Ein so anspruchsvolles Vorhaben, von dem man vor ein paar Tagen nicht mal hätte träumen können. So soll man also ab heute, gestern musste man noch nicht, aufpassen und den Fußgänger genauso respektieren wie das Rotlicht oder die Sicherheitsgurten. Wunderbar. Aber bald kam es noch dicker! Hat lange gedauert, dafür gings dann aber umso schneller: Noch ein Attentat auf freies Kommen und Gehen, auf die individuelle Freiheito zu tun und Lassen was man wollte – eine Promillgrende für Alkoholkonsum!. Wer gestern noch, und nicht wenig Alkohol trank und dann ganz normal Auto fuhr, muss heute am Mineralwasser nippen oder mietet ganz einfach einen Chauffeur für eine hochprozentige Nacht. Auch dieses Gesetz ist äußerst kleinlich. Überall kann man lesen, dass man das tolerierte Limit schon mit einer schnapsgetränkten Nachspeise oder einem Likörpraline überschreibe.

Persönlich beeindruckt es mich immer wieder, mit welchem Gehorsam und Gleichmut sich alle solchen neuen aufoktruierten Gesetzen unterwerfen und einfach von gestern auf heute ihre Gewohheiten anpassen. Keiner protestiert, alle schlucken es runter – welch unendliche Anpassungsfähigkeit! Am beeindruckensten sind die Statistiken. So fallen, auch von gestern auf heute, die Zahl der Verkehrstoten, der Verwundeten und die der Unfälle und damit auch die Krankenhauskosten. Das in einem Land, in dem jeder junge Mensch schon einen oder zwei Kollegen als Opfer eines Verkehrunfalles zu Grabe getragen hat. Allein in der Megametropole São Paulo sterben 1,4 Motoboys pro Tag.

 Wie alle unerwarteten Segen hat auch dieser einen winzigen Defekt. Ein kleines, lästiges Detail nur. Alle Führerscheine müssen nun in regelmässigen Abständen mit einer Prüfung erneuert werden. Seit gestern muss nun jeder, auch wenn er schon 30 Jahre Auto fährt, eine schriftliche Prüfung ablegen, bevor er seinen Führerschein erneuern kann. Das entsteht, auch von gestern auf heute, eine riesige Maschinerie lizensierter Autofahrschulen, denen es erlaubt wurde, die Prüfungen abnehmen zu dürfen. Ein lukrativer Kuchen, von dem sich natürlich jeder seine Scheibe abschneiden will, wobei die Legalität oft etwas elastisch ausgelegt wird.

 Und so gerate auch ich in die Maschen. Mein Führerschein ist schon fast abgelaufen und ich darf nur noch einen Monat damit fahren, danach bewege ich mich in der Illegalität. Sie erzählen mir von einem Kurs, den es zu absolvieren gilt. Wie es sich in solchen Fällen empfielt, stöbere ich im Internet herum, frage die unterschiedlichsten Leute, ruf sogar einen “Despachanten” an, eine Art Spezialist in solchen Fällen, der einem gegen gutes Entgeld, lästige Behördengänge abnimmt. Mit jedem Gespräch schwindet der zu bezahlende Betrag dahin, bis er sich schließlich auf einen Zehntel der ursprünglichen Summe reduziert. Zum Schluss entdecke ich irgendwo, dass ich statt des doofen Kurses auch einfach selber lernen kann. Einer leiht mir einer gar sein Heftchen, ganz schön dick, mit riesenlangem oder noch längerem Textteil und fast keinen Grafiken oder Bildern. Nichts erinnert mich an den Verkehrsunterricht meiner Jugend. Aber klemmen wir uns dahinter. Als erstes lerne ich mal wieder, dass hier das einzelne Wort noch Gewicht und Kraft hat. Außerdem wird mir endlich die Bedeutung unzähliger neuer Wörter klar, zum Beispiel “apostilha” was so etwas wie eine wortreiche Zusammenfassung desselben ist, was andere schon mit weniger Worten beschrieben. Ausführlichstens und mit sondergleicher Geschwätzigkeit, jedes Wort führt zu tausend anderen, jetwelches Detail muss noch detailierter erklärt werden. Im besten Stil von: Je mehr ich zu lesen versuche, desto verwirrter werde ich. Fast scheint es mir “Cartório-Sprache”, ausgewalzt, breitgetreten, überaus kleinlich, selbstverliebt, gesprächig und überaus gebildet, aber voller Worthülsen. Stelle mal wieder fest, wie wichtig es hier in Brasilien ist, alles der Breite und Länge nach zu erklären, was mir eher wie ein zerreden vorkommt. Atme tief durch und tauche ins unendliche Meer unnützer, umständlicher und übererklärter Sätze und Wörter ein. Als ich herausfinde, dass sich am Ende jedes ausführlichen Kapitels eine “Simulierung”, ein Test, noch ein neues Wort, befindet, entschließe ich mich sofrt, ganz praktisch und europäisch pragmatisch zu sein. Werde zuerst die Testfragen beantworten, um dann nach der Auswertung nur das zu lernen, was ich wirklich nicht weiß. Zeit ist Geld, oder nicht?

Ein anderes Wort, dessen reale Dimension mir erst jetzt klar wird, ist “pegadinha”, so etwas wie eine Fangfrage. Wie wäre zum Beispiel mit einer negierten Frage im Stil von: Marque a alternativa ERRADA nas alternativas abaixo qual NÃO se refere as condições adversas do MOTORISTA?????

a)      Estado emocional, tristezas ou alegrias

b)      Medo, insegurança e preocupações

c)      Fadiga, cansaço, sono e pressa

d)      Estado civil e relacionamento familiar

e)      Visão ou audição deficiente

 Bezeichne in den untenstehenden Alternativen die FALSCHE Antwort, welche sich NICHT auf die Kontraindikationen des AUTOFAHRERS bezieht.

a)      Gemütszustand, Traurigkeit oder Fröhlichkeit

b)      Angst, Unsicherheit oder Sorgen

c)      Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schlaf oder Eile

d)      Familienstand oder familiäre Beziehungen

e)      Hör- oder Seh-Behinderung

Wer sagt denn, dass ich ein besserer Autofahrer wäre, wenn ich auch diese andere Frage richtig beantworte:

Conforme o C.T.B. vias rurais abertas à circulação, de acordo com sua utilização, sub-dividem-se em:

a)      Via colateral e arterial (só conheço da medicina…)

b)      Via de trânsito rápido e colateral

c)      Via transversal e local

d)      Via local e rural

e)      Rodovias e estradas

Laut C.T.B. (Brasilianische Verkehrsgesetzordnung) sind Landstraßen, die für den Verkehr freigegeben sind, in die folgenden Unterkategorien aufgeteilt:

a)      Kolaterale und arteriale Wege (Wörter die ich nur aus der Medizin kenne.

b)      Schnellstraßen und kolaterale Wege

c)      Transversale Wege und lokale

d)      Lokale Wege und ländliche

e)      Autobahnen und Bundesstraßen

Einmal mehr fasziniert mich, welche Macht der Bedeutung des einzelnenWortes zugemessen wird! Das in einem Land mit einer sehr hohen Analfabetenrate. Aber ich denke, genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wer die Worte kennt, wer lesen, kann auf der sozialen Leiter aufsteigen, denn wie es das Gesetz auflistet, muss der Kandidat für den Führerschein die folgenden Voraussetzungen mitbringen:

1. Muss voll zurechnungsfähig sein

2. schreiben können

3. eine Identitätskarte besitzen, CPF, ein anderer Ausweis und

das18. Lebensjahr abgeschlossen haben

 Mit einem schalen Gefühl im Magen melde ich mich zum Test an. Vorsorglich habe ich mich gleich bei der Anmeldung nach dem Weg erkundigt, was niemand komisch findet. Ein Kreisverkehr, dann an der Kirche vorbei und schon komme ich zu richtigen Straße. Jetzt gilt es nur noch die Hausnummer zu finden. Endlich, da, ein grünes Mittelklassehaus, es gibt sogar einen Parkplatz. Eine Empfangsdame mittleren Alters sitzt hinter einem Schreibtischchen. Da sie, wie ich später feststelle, nur mit einem einzigen Finger tippt, notiert sie sich alle meine Daten auf einem Zettel, so wird es ihr später sicher gelingen, sie auch in den Computer einzufüttern. Dann will sie meinen elektronischen Fingerabdruck (!), um mich dann an eine andere, fast identische Dame weiter zu weisen. Apropos Fingerabdruck: Später wird es einen ersten Skandal geben, als mit dem selben Fingerabdruck tausende von unterschiedlichen Führerscheinen herausgegeben werden. Die andere Dame hat den selben fülligen Körper, auch sie hat ihre besten Jahre schon lange hinter sich. Die paar Pfunde zuviel sind in ein etwas zu elegantes, etwas zu enges Kleid eingenäht. Es ist zu eine Spur zu schillernd für die Tageszeit, genauso wie die Sandale mit dem atemberaubenden Absatz, die auf jedem Fest Staat machen würde. Beide tragen ihr langes Wallehaar offen, wunderschön weichgespült und überaus gepflegt, aber einen winzigen Ton zu hart nachgefärbt. Der kaum sichtbare Damenbart auf der Oberlippe kontrastiert mit den sorgfältig nachgezogenen Lippen und den gepflegten Nägeln, natürlich im selben Farbton wie der Lippenstift.

Aber genug Ablenkung. Die zweite Dame führt mich in ein Nebenzimmer mit drei oder vier Kabinen mit Computern und einer simplifizierten Tastatur. Das B ist leider kaputt, falls die richtige Antwort B ist, soll ich doch bitte den Buchstaben mit der Mouse anklicken. Nun warte ich bis auf dem Schirm dreißig Fragen über die Verkehrgesetzgebung, Defensives Fahren, Erste Hilfe, Umwelt, Bürgerpflichten und einfache Mechanikkenntnisse eines Autos erscheinen. Ich zittere vor Sätze oder Wörtern, die sich vor mir anhäufen werden, mehr verschleiernd als erklärend, besonders wenn sie sich gesundem Menschenverstand entziehen, verlangen, dass ich genau dieses Wort auswendig gelernt hätte. Wissen oder nicht wissen ist hier die Frage.

 Zu meiner totalen Überraschung überstehe ich die Tortour mit fast 95% richtigen Antworten, die der Technik sei Dank, fast im gleichen Augenblick bewertet werden. Schneide, aber das finde ich erst später heraus, gar besser ab, als manch andere Personen, die ich kenne, alles Muttersprachler. Aber der brutale, einscheidende Zweifel bleibt: Wie fahre ich besser, bewusster, aufmerksamer, wenn ich weiß, ob ich auf einem kolateralen oder arterialen Straße verkehre oder die Zustände, entschuldigen Sie, die misslichen Konditionen des Fahrers zu benennen weiß????

Da ist der Besuch beim Arzt, der mir in seinem winzigen Kabäuschen in eineinhalb Minuten geistige Gesundheit und Zurechungsfähigkeit und was weiß ich noch attestiert, schlichtes Zuckerschlecken und nicht mal noch ein Stück Schokoladentorte wert.