Alle Jahre wieder. Noch ein „Niver“, ein „Aniversário“,wie man das neuerdings trendig abkürzt, wie mich die Einladung belehrt. Noch einer, noch ein Kindergeburtstag. Die Einladung zeigts schon. Aufwändig launig produziert, falls möglich persönlich überbracht. Auf der Rückseite die detaillierte Straßenkarte. Wer auf sich hält, feiert auswärts.
Da, die falschen Trauben, lauter bunte Ballone signalisieren Feststimmung. An der Tür herrscht ein einziges Kommen und Gehen. Die Türsteher haben alle Hände voll zu tun. Kleinere oder heftigere Wellen schwemmen Geladene heran, ziehen sich zurück und laden neue Fracht. Zu so einem Kindergeburtstag werden beileibe nicht nur Kinder eingeladen. Alle sollen sie kommen, wirklich alle: Eltern und Geschwister, Schwiegereltern, Schwager und Schwägerinnen, die ganze weit verzweigte Verwandtschaft, ihrerseits natürlich mit Kind- und Kindeskindern und natürlich die Freunde. Die Freunde der Eltern und der Kinder versteht sich. Die Neuangekommenen mischen sich, oder auch nicht, unter die schon länger Anwesenden. Magisch kitten sich, man kennt man sich zwar, ach ja, ein anderer Geburtstag, aber nur flüchtig, sozusagen automatisch immer wieder die selben isolierten Grüppchen zusammen. Auch die Gespräche entwickeln sich, genau wie erwartet, selten über ausgetauschte Banalitäten hinaus. Verstummen sehr schnell in gleichgültigen Sackgassen. Ersticken an der Pein der Oberflächlichen und Wortlosen. Zu hoch geschraubt die Erwartungen – Wie auch immer. Keiner lässt es sich nehmen, die nun schon um die Generation der Enkel erweiterte Familie in lockeren, doch eher sporadischen Abständen wiederzusehen.
Scharf hebt sich die blendende Helle der nicht unbedingt kleidsamen Uniform vom dunklen Teint der beiden jungen Frauen ab. Ihre Schützlinge, die Kringellocken tiefschwarz, dramatisch senken sich ebenso dunkle Wimpern über rosa überhauchte Marmorwangen, tun keinen unbeobachteten, keinen unbegleiteten Schritt. Ständig ist eine hilfreiche Hand zur Stelle. Zupft zurecht, räumt hinterher oder vorneweg. Jeder Neuankömmling nickt ein höflich distanziertes „Guten Tag“ zu den beiden „Babás“ – den Kindermädchen hin. Bei größeren Familienfeiern und natürlich Kindergeburtstagen sind sie immer mit dabei. Stehen sozusagen Tag und Nacht, samstags und sonntags zur Verfügung. Die Babás sind nur indirekt geladenen. Auch sie bleiben außenvor. Ein sehr klarer, unsichtbaren Kreis scheidet sie von den offiziellen Gästen. Auch diesmal bleibt die Frage unbeantwortet, wo denn nun die Mutter, respektive gar der Vater des Geschwisterpaares wohl abgeblieben seien. Unbekümmert tauchen die beiden Engel gerade ins knallig bunte Kugelmeer. Daneben, alles zur freien Verfügung, ein Trampolin, eine Reihe Plastikspielzeuge. Jeder Condomínio, der etwas auf sich hält, bietet sie an. Auch das Puppenhaus, wohl eher ein Plastikbrutkasten, fehlt nicht. Es hat schon ein paar Jahre auf dem weichen Plastikdach, sein Pink und Gelb scheint reichlich ausgebleicht.
Ach, da ist sie ja! „Spricht man über den Teufel, schon erscheint sein Schwanz!“ – wie es auf gut Portugiesisch heißt. Ihre Majestät, die leibliche Mutter des Geschwisterpaares gibt sich die Ehre! Küsst absolut berufsmäßig die Luft neben den unzähligen hingehaltenen Wangen. Arbeitet sich, Küsschen für Küsschen, langsam durch die Geladenen. Dringt schlussendlich auch bis zu ihren eigenen Kindern vor. Schenkt ihnen huldvoll ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit. Was die Sprösslinge nicht sehr zu beeindrucken oder gar zu freuen scheint. Die „Babás“ hat sie zweifellos nach genau definierten Ansprüchen ausgelesen. Denn Babás sind hier in São Paulo teuer geworden. Die Berufsgruppe der Kindermädchen ist von den ersten, die vom immer großzügiger werdenden Arbeitsmarkt profitieren. Heute lässt keiner mehr seine Kinder, wie noch eine Generation zuvor, von ungebildeten, billigen Unterschichtfrauen, gar Analfabetinnen, – „Deus me livre!“ aufziehen. Moderne Mütter greifen, besonders auch aus finanziellen Gründen, auf den professionelleren Service einer Kinderkrippe zurück. Das garantiert neben vielen Plastikspielzeug auch das Fachpersonal. Der einzige Nachteil – man muss sich am Wochenende selber um den Nachwuchs kümmern. Halt. Schon ist die Mutter im ewiggleichen Kreise der Geladenen eingetaucht. Die Kinder ihrerseits springen und rudern weiter zwischen farbigen Bällen herum.
Faszinierend, wie man seine Kinder, fast wie die Geschenke, einmal schützenden Tore und Türen sammt Pförtner hinter sich gelassen, hier sozusagen abgeben kann. Letztere stapeln sich ungeöffnet irgendwo hinter dem Eingang. Die klangvollen Labels auf den Papiertüten sagen alles. Elternteile, die ihr Bierglas gegen ein Spiel mit Sohn oder Tochter tauschen, sind eher die Ausnahme. Tut es einer, gar ein Großelternteil, widmet er sich inbrünstig und exklusiv ganz allein der eigenen Brut, dem eigenen Blute. Bewahrt zu den Kindern der anderen respektvolle Distanz. Man könnte die Masstäbe und Vorstellungen von Erziehung der anderen verletzen. Größere Kinder werden sich selbst und den reichlich vorhandenen, aber nicht sehr inspirierten Spielzeugen überlassen. Bääää!!! – was ist denn passiert? „Mein kleiner Liebling! “Wie auf Kommando stürzen Großmutter, Babá und gleich darauf auch die Mutter herbei. Bis du hingefallen? Sofort wird der kleine Liebling schützend auf dreierlei Arme genommen. Fünf verschiedene Hände streicheln ihm die Tränen von den runden Wangen. Eine sechste schiebt ihm klebriges Zuckerzeug ins traurig verzogene Mündchen – hier kann keiner ein Kind leiden sehen!
Das Zauberwort zur Bewältigung eines solchen Riesenfestes lautet „lassen“. Die besser verdienende Mittelklasse lässt, sozusagen als logische Konsequenz, nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern auch alle Feste organisieren. Das ist praktisch, gibt aber auch dem sozialen Druck nach Prestige nach. Längst haben sich unzählige, thematisch spezialisierte Buffets dieser Marktlücke angenommen. An den Wochenenden schmücken sich ganze Straßenzüge mit den charakteristisch buntfarbenen, vergänglichen Trauben aus tausenderlei Ballons, „Nivers“, klar. Für Hochzeiten werden sie gegen üppige Trauben in Weiß ausgetauscht. Dass solche Mamutanlässe immer etwas uniform herauskommen, stört keinen. Für Abwechslung sorgen schließlich die ständig wechselnden Moden – von Tradition hält hier keiner was. Die Anläße sind so kurzlebig wie das Einweggeschirr und das Motto. Heute Mikey Mouse, morgen Piraten oder Prinzessin variieren auch mit der sozialen Klasse wenig. Die Gespräche so voraussehbar gleichförmig wie die salzigen Kleinigkeiten. Meist unterdurchschnittlich, was durch sehr viel Salz und Fett, fettausgebackene Paniermehlkrusten und pampige Kalorienbombenfüllungen wettgemacht werden muss. Wohl ein willkommenes Gegengewicht zum erwartungsgemäss hohen Konsums des eiskalten, aber schalen Biers. Ein Heer von Angestellten hinter kleinen Marktständen versorgt die eigentlich gar nicht hungrigen Gäste ständig aufmerksam mit mehr oder weniger wohlschmeckendem Nachschub. Waren es beim letzten Geburtstag noch Crèpes aktuell, sind nun Mini-Hot-Dogs und Minipizzas angesagt, und als Nachspeise natürlich grellbunte Cupcakes, der allerletzte Schrei. Die grellen Farben der Wegwerfdekoration aus Styropor sind noch süßer und penetranter als das viele Zuckerzeug. Auch wer zu Hause feiert, lässt auftragen, servieren und animieren. Mindestens ein Clown muss es sein. Diesem hier hängt seine wild gestreiften Hose an Hosenträgern hoch und weit über dem dicken Bauch. In den Hosenbund ist ein Hulareifen eingearbeitet. Er zaubert sogleich unzählige Ballons aus dem unförmigen Ding hervor. Besser wohl nur die magische Zauberin oder die perfekt uniformierten Animateure, die sich der Kinder annehmen. Ihnen ihnen farbige Gesichter malen oder putzige Tiere aus Ballons drehen, ständig etwas für sie machen und sie so beschäftigt und bei Laune halten.
Unvergesslich! Unvergesslich? Leider ist es noch nicht Mode geworden, das so perfekte Fest auch in perfekten Bildern festzuhalten. Noch lässt keiner, wie bei einer Hochzeit, die unwiederbringlichen Momente professionell klicken. Deshalb bekommt man nach einer Woche oder so unzählige Amateuraufnahmen zugemailt, verwackelt, in schlechtem Licht, die Kamera verdreht. Besser wohl nur die magischen Bilderrahmen, die wundersam in stiller Folge die selben amateurigen Fotos Tag und Nacht in leere Wohnzimmer produzieren. Der Vorteil, dass man da wenigstens wegschauen kann. Wette aber, dass professionell fotografieren lassen auch bald Mode wird. Wer kann es sich denn leisten, im digitalen Zeitalter auf Show-up zu verzichten?
Zum Schluss das große Glückwunschsingen. Alle, auch die beiden Babás bauen sich vor dem quadratischen, grellfarbigen Riesenkuchen auf. Halten ihre Schützlinge hoch, damit sie ja auch gar nichts verpassen. Längst schon haben kleine, gierige Kinderhände Breschen in die sorgsam um den Kuchen herum ausgerichteten Brigadeiroreihen geschlagen. Die kleinen, übersüßen Kugeln aus viel Kondensmilch und Schokoladenpulver verschwinden wie von Zauerberhand in den schon vollen Mägen. Traurig bleiben unregelmäßige Reihen leerer Papierförmchen zurück. Achtung, die auffallend runden, auffallend zuckrigen Dinger gilt es zu vermeiden. Es sind Traubenbeeren, schauerlich, mit Schokolade überzogen und in Zucker gewälzt. Gerade Mode. Licht aus, Kerzen an und die Glückwünsche herausgeschmettert. Nach den obligaten Wunderkerzen die dicke Zahlenkerze ausgepustet. Die zündet sich unter lauten Juheerufen immer wieder von selber neu an, flacker drei, viermal aufs Neue auf. Dann wird, nach genau festgelegtem Ritual, aufgeschnitten. Endlich liegt auch vor mir ein Stück Kuchen. Der Plastikwinzteller geht durch viele Hände, bis er alle erreicht. Gott sei Dank ist der Kuchen so nichtsagend wie weich, so dass es ihm gar nicht einfällt, dem Platikgäbelchen irgendwelchen Widerstand entgegen zu setzen.
Das Kuchenzerschneiden gilt gleichzeitig als Zeichen zum Aufbrechen. Alle halten sich daran. Mit scharfem Klick schließt sich hinter mir die erste Schleuse. Auf den Knopfdruck einer unsichtbaren Hand öffent sich gleich darauf die äußere der beiden Sicherheitstüren. Wieder draußen, für genau ein Jahr frei, vogelfrei.
























































































































































































































































