Gestaut

17. April 2010

 

Stau. Selbst die frühen Morgenstunden sind, je nach Wetterverhältnissen, nicht ganz staufrei.

Der Mond, eine dünnbleiche, schlecht runtergeschnittene Scheibe, tief in die Himmel gehängt, deren Schwärze, etwas zwischen Tiefbraun und Ebenholzschwarz-blau, sich jeglicher Klassifizierung entzieht.

Fühle mich gestaut – einverleibt, noch unverdaut. Lichtjahre davon entfernt, wieder ausgeschieden zu werden, auf diesem oder einem anderen Weg. Hineingestopft, hineingepresst in einen Schlund, einen Engpass, den Flaschenhals Stau jener Millionenstadt, die São Paulo heißt. Auch wenn ihre Straßen sozusagen in den letzten Wehen zucken, sind sie dazu verdammt, unendlich viel mehr zu verschlingen, als eigentlich vorgesehen. Verzweifeln am Versuch, das Unverdauliche zu verdauen, aprupten Zuckungen, hinterlistigen Kontraktionen und unberechenbaren Aufstoßer sind der Versuch, mich, eine Marionette nur, ein Sandkorn, einsaugen, hin- und herstoßen, mich mit sich mitreißen und mitziehen, mich davontragen. Es bremst oder schleudert mich in einem ruckartigen Stakkato vor und rückwärts, wirft mich hoch, drückt mich nieder, nach hinten, zur Seite. Erstickt mich im Sessel, um mich gleich darauf wieder rauszureißen, spuckt mich von neuem in die Polster, fest und gleichzeitig weich wie eine riesige Mutterbrust, die mich festgenagelt, niedergedrückt. Fast liegend wird mein Körper, schauckelnd wie Wackelpudding, nach vorne gerissen, dann abgemurkst, die Bewegung stoppt mittendrin. Unter hochreißen, niederdrücken, tausend und noch einmal, wird mich der Bus irgendwann an den einen oder einen anderen, den vorbestimmten Ort bringen.

Das organisiert verflochtene, nur scheinbar heilose Durcheinander des Straßennetzes, der Auffahrten, Zufahrten, Abfahrten, Verzweigungen und Verschmälerungen, marginal der Marginal, erscheint mir nur im Aufblitzen der Lichtfunken der Straßenlanternen real, dann, wenn sie es in regelmässig nervösen Intervallen aufscheinen lassen. Helle, die ruckartig durch die delikate Membran der Augendeckel bis zum Augapfel durchsticht. So real und fremd wie die Ufer des unsichtbaren, schon tausend Tode gestorbenen Flusses, da unten in sein zementenes Bett hineingelegt und geflossen, von dessen imaginären Ufern die Lichter in unregelmäßigen Intervallen hereinspringen. Da draußen, wie beruhigend, eine Art vollmotorisiertes Leben signalisierend. Endlose, kopf- und schwanzlose Schlangenwürmer aus weißen Punkte ziehen unendlich leuchtend einsam durch die Nächte an uns vorbei. Die uniform rote Linie Schlusslichter auf der Gegenfahrspur, bereichert mit einzelnen Leuchtmücken, die LKWs signalisierend, werden alle auf geheimnisvolle Weise von irgendwo her nach irgendwo hin gesteuert.

 Der Mond, eine kränklich dünnbleiche Scheibe. Um Bruchstücke höher in die Himmel gehängt, deren Tiefschwarz sich erfolgreich einer Klassifizierung entzieht, wechselt, etwas zwischen Tiefbraun und Ebenholzblau.

Schaukle, dämmere, endlich, sanft in andere Sphären weg. Stadtrand, das asfaltene Bett der Autobahn entrollt sich, stetig, regelmäßig glatt und sechsspurig, acht Fahrbahnen breit, ins Unendliche. Der Bus gewinnt an Geschwindigkeit, gleitet, fliegt endlich seinem Ziel entgegen.

 Noch eine Reise, in die ich mein Herz gelegt habe.

 

 

 

Die Stunde der Havaianas

17. April 2010

Der Lageplan und die Verhaltensregeln, klar, streng und unnachsichtig – an der Feier nehmen nicht weniger als 1.850 geladene Gäste teil – kommen per Internet. Zwar erst am Vorabend, aber besser spät als nie. Achtung! Wer einmal, natürlich nur mit teuer bezahlter, persönlicher Einladung, die Türsteher hinter sich gelassen hat, wird nicht ein zweites Mal eingelassen, auch wenn er etwas im Auto vergessen haben sollte. Zudem werden, unter anderem, alle, die einen Streit anzetteln oder an ihm teilnehmen sofort und unisono des Lokals verwiesen. Nicht weniger rigoros auch der Dress-code: Frauen, oder waren es Damen? im Abendkleid, festlich, am besten lang, für die Männer sind dunkler Anzug und Krawatte obligatorisch. Dass auch fast jeder Brasilianer sich für so eine einmalige Gelegenheit einen neuen Anzug in den Schrank hängt, versteht sich von selbst. Auch dann, wenn sich ja eigentlich bei den klassebewussten Herren der Schnitt des Anzuges nur alle zehn Jahre ändert, und sich die Farben praktischerweise praktisch auf dunkles, quase schwarzes Blau oder gräuliches Schwarz beschränken. Die Mädchen lassen sich solch ein Fest allerdings nicht entgehen. Brezeln sich so sehr auf, dass man manchmal zweimal hinsehen muss, ob das nun die Studentin mit dem Wallehaar, den Bermudas und den Flip-Flops ist, die hier, sozusagen von Feenhand verwandelt, fast unwiedererkennbar als Ballkönigin vor einem steht. Verwandtschaftsgrad hin, Art der Beziehung her, ein nigelnagelneues Kleid muss her! Einmal mehr das allerschönste, schickste, wunderbarste. Auf alle Fälle jenes, das auch alle denkbaren anderen „-ste“ miteinschließt. Keine verzichtet auf ihr gutes Recht, eine Nacht lang Prinzessin oder Fee zu sein, so schön, so perfekt, so elegant wie nur möglich! Das stundenlange Verschönerungsritual schließt obligatorischerweise Haar, Make-up, Hand- und Fußpflege mit ein. Ein Ritual, dem sich die Hinterletzte unterwirft, welches nur dann noch besser wird, wenn es sozusagen im Kollektiv stattfindet: Alle Freundinnen oder alle weiblichen Mitglieder des Clans bringen es gleichzeitig oder hintereinander im selben Friseursalon hinter sich. Was für ein Kuscheln und Tuscheln, loben und entzückt sein, wenn alle nervös und ungeduldig darauf warten, dass sie an der Reihe sind. Zudem eine besondere Art und Weise, die Zeit tot zu schlagen – das Fest beginnt nur so gegen 22h30, 23h00, dann wenn sich alle im Stehen die Nationalhymne anhören und der hinterletzte sie aus vollem Hals mitsingt. Schicker nur, wenn der Friseur mit seiner ganzen Equippe gleich ins Haus kommt, dann ist der Prinzessinnentag, ganz unabhängig vom Alter, perfekt. Figur, Alter, gar mögliche Defizite, dann wird alles zweitrangig, für heute sind alle schön. Eine überaus vergängliche Schönheit, die mit dem Moment kontrastiert, einmalig und unvergesslich, an den man sich auf ewig erinnern wird, für den sich wohl deshalb alle herausputzen wie Paradiesvögel.

Wen scheert es, dass das Fest in einer weiß verkleideten Riesenhalle, irgendwo im Nirgendwo statt findet? Alles ist reichlich amerikanisiert, echt und frisch, damit nicht weniger schön, sind nur die Blumenarrangementes auf den runden Tischen. Amerikanisiert die unförmig schwarzen Umhänge, die nicht mal einem Priester gut stehen, die viereckigen Hüte, die zum Schluss auf Kommando hochgeworfen werden. Aber zuerst folgen Ehrungen und Ansprachen auf Ehrungen und Ansprachen. Geehrt werden Lieblingsprofessoren, Mütter, Väter und Kollegen, nicht zu vergessen die eigentlich unsichtbaren Angestellten der Uni wie Pförtner, der Mann des Fotokopierservices und Sekretärinnen. So manche Träne wird verdrückt. Dazwischen immer wieder die unvermeidlichen, unendlich langen Fotosessionen für obligate Fotoalben.

Dann ist es soweit: Endlich werden, in alphabetischer Reihenfolge, die leeren, goldenen Kartonröhren übergeben – die wirklichen Diplome werden Wochen später ganz ohne Pomp ausgehändigt. Dem Namensaufruf eines jeden Diplomanden folgt sein Kinderfoto, dann Fotos seiner Familie. Unzählige Unbekannte, deren Namen einem nichts sagen, eine endlose Liste, so endlos wie die riesigen Fotowände, die die unsorgfältigen geknipsten Winkel der amateurigen Fotos endlos vergrößern, die feixenden, kunterbunt zusammengewürfelten Familienmitglieder, die leicht unscharfen Lächeln und den wenig kunstvollen Ausschnitt tausendfach verdoppel hinprojezieren. Endlich das kitschige Foto dessen, der soeben seinen Universitätsabschluss gemacht hat. Dröhnender Applaus aus irgendeiner Ecke des Saales. Einige Diplomanden werden von euphorischen Familienmitgliedern mit ausgerollten Transparenten und lautem Hupen beglückt. Besser nur noch die Hochrufe und Schreie von Müttern und Tanten, die vor Stolz fast zu explodieren drohen, vor Freude über das erreichte Universitätsdiplom des Nachwuchses in sentimentale Freudentränen ausbrechen.

Lange, sehr lange nach den tausenderlei Häppchen und den zwei Walzern, den einen mit dem Vater oder der Mutter getanzt, ein paar falscher Nasen und Schnäuze später, ein paar neckischer Teufelshörnchen und verschiedenen Platzwechsel, beileibe nicht alle Eingeladenen haben einen Sitzplatz an der reservierten Tafel bekommen, schon bei der dritten Band und nach dem Trockeneis und den fluoreszierenden und an und ausgehenden Ringen und Anhängern, schlägt die Stunde. Längst haben alle Mädchen, die heute ihr Diplom empfangen, ihre Schmetterlingsflügel, Teil der obligaten Spielereien der Party, umgeschnallt. Dann schlägt, viele, sehr viele Tänze und Musikstücke später unweigerlich und unausweichlich die Stunde, die Stunde der Havaianas.

Die Mehrzahl der jungen Männer, unisono überaus propper in ihren fast identischen, gedeckten Anzügen, in den Augen alle Erwartungen der Welt, haben sich schon etwas früher vom Korstett der Anzugjacken befreit. Längst haben ihre Hemdenschöße Eigenleben entwickelt, springen, ja entfliehen ganz von selbst den Hosenbünden der Anzughosen, Krawatten sinken auf Halbmast. Die jungen Frauen, für heute die allerschönsten, frischesten Mädchen, auch wenn die Auwahl ihrer Frisuren, Kleider und Sandalen wenig Inspiration und Individualität verraten,im Blick die selbe erwartungsvolle Haltung wie die Junge, schleppen plötzlich achtlos den Saum ihres mit so viel Mühe ausgesuchten Kleides über den Boden. Sie haben, ohne jegliche Zeremonie, die schillernden Sandalen mit dem extra hohen Absatz gegen eine um so vieles einfachere, aber unendlich konfortablere Flip-flop ausgetauscht. Die fortgeschrittene Stunde erlaubt es, dass man immer mehr jüngere, aber auch ältere, immer äußerst wohl gepflegte Füße damit sehen kann. Zwar sind sie an einigen Stellen von den extrem hohen, extrem modischen Sandalen ein wenig misshandelt, fühlen sich deshalb in den flachen Sandalen aus Plastik deutlich wohler. Havaianas sind heute ein Muss bei jeder Diplomfeier oder Hochzeit, schon im Preis des Festes einbegriffen.

 Im Eingangsbereich ein paar hingeflätzte, in allen Stellungen auf die bereitgestellten Sofas hingefallene Körper. Weggedämmer, ob es wohl vor Müdigkeit oder gar schlimmerem ist? Drinnen die Tanten, vom billigen Schaumwein und der Feierlichkeit des Anlasses aufgeputscht. Sie amüsieren sich königlich, tanzen noch einen Tanz und gleich noch einen. Sichtlich geniert die Tochter, insgeheim schockiert über die harmlose, unerwartete Zügellosigkeit der Mutter, die alle mit ihrer Fröhlichkeit ansteckt. Wen kümmerts? Die andere Tante, sie ist über siebzig, fliegt im Schmetterlingsflug davon, eigentlich waren die Flügel ja für die Diplomandin gedacht. Und so geht immer noch die Post ab! Mithalten ist gefragt! Havaianas sei Dank, macht sich nicht die Spur von Müdigkeit breit, durchhalten lautet die Parole, fast bis zum frühen Ende dieser in jeder Hinsicht unvergesslichen Nacht!

Der Sklaventreiber

17. April 2010

Auf den Knien herumrutschend, ein Messband zwischen ihnen ausgespannt, kriechen die beiden, mein ziemlich sauertöpfischer Nachbar und seine arg vergrämte, noch farblosere Frau, auf ihrer, schon seit längerem etwas vernachläßigten, Garageneinfahrt herum. Ob der allgemeine Umbraurummel, der seit kurzem von unserer Straße Besitz ergriffen hat, auch sie angesteckt hat? Tage später jedenfalls werden die obligaten Hügel angeliefert, einfach auf dem kurzen Rasenstreifen aufgeschüttet: grober Sand, feiner Sand und der übliche körnige Kies. Gut verwahrt hinter den Gitterstäben der Garage stapeln sich ein paar kostbare Säcke Zement.

Als ich alles schon längst wieder vergessen habe, begegnet mir auf dem Hundespaziergang eines der typisch heruntergekommenen, wunderbarerweise doch noch irgendwie fahrtüchtigen Autos, wie sie nur Handwerker, oder Maurer fahren. Suchend zieht es ein paar Kreise, bis es ausgerechnet vor Nachbars Haus hält. Aber heute ist doch Samstag. Na, ja, manche Handwerker arbeiten auch an Wochenenden, vielleicht gar Schwarz, ein willkommenes Extra-Geld.

Das nächste Kapitel der so kurzen, wie banalen Geschichte würde ich, ich schwöre es, für erfunden und übertrieben halten, hätte ich es nicht sozusagen von privilegierter Warte aus und live über die sonntägliche Morgenzeitung hinweg mitverfolgt.

Noch haben wir allerding Samstag und ich bin gerade dabei, meine unzähligen Einkäufe aus dem Auto auszuladen. Heiß ist es, ungewöhnlich heiß, was vielleicht den bloßen Oberkörper und die farblosen Altmännershorts meines Nachbar erklärt. Nicht aber, warum er in Plastiklatschen vor dem Haus, ausgerechnet in der Garagenauffahrt sitzt, auf einem wacklig-billigen Gartenstuhl und, noch ungewöhnlicher, bei weit geöffnetem Garagentor. Wirklich seltsam, macht er doch einen sichtlich gelangweilten Eindruck, hat nicht mal eine Zeitung dabei, starrt sozusagen ins Leere. Aber halt. Erst jetzt werde ich auf die weitausholenden Bewegungen im Vordergrund aufmerksam. Zwei muskulöse Schwerarbeiter – die Maurer im heruntergekommenen Wagen! – pickeln im wahrsten Sinne des Wortes im Schweiße ihrer Angesichte den alten, rissigen und löchrigen betonenen Boden der Garage auf. Hieb für Hieb wird von den sauertöpfischen Augen meines Nachbarn registriert. Soll, so wird mir versichert, schon seit Beginn der Arbeiten so da sitzen. Könnte damit dem grantligsten Sklaventreiber oder dem hintertriebensten Gefängnisaufseher das Wasser reichen, die ich Gott sei Dank nur aus dem Fernsehen oder aus dem Kino kenne.

Der zweite Teil der Geschichte spielt am Sonntag. Wie schon oben erwähnt, kann ich von diesem Teil sozusagen privilegiert Zeugniss ablegen.

Dass heute Sonntag ist, scheint weder meinen Nachbarn noch die Maurer in keiner Weise zu kümmern. Vielleicht finden sie es gar positiv, dass die vielen Wagen, die die Straße beidseitig zuparken, heute ausbleiben. So erinnert sie keiner der nun so populären katholischen oder protestantischen Aufkleber daran, dass manchen Gläubigen der Sonntag sozusagen heilig ist.

Das Szenarium ist identisch. Die Sonne sticht, auch wenn es fast nicht möglich ist, aber trotzdem wahr, noch heißer herunter. Die Miene des Nachbar ist, ebenfall fast unmöglich, noch sauertöpfischer und der Blick noch verlorener oder gar wehrhafter?, wenn er wieder mit jenem eingefrorenen Gesicht und nackten, verwelkten Altmännerschultern allein durch seine Anwesenheit die paar betonenen Quadratmeter verteidigt, die nur ihm gehören. Beaufsichtigt auch heute wieder, gleichzeitig streng und unnachsichtig, die beiden Schwerstarbeiter. Kontrolliert, dass ja keiner zu lange Atem holt oder sich zu ausgiebig den Schweiß von der Stirne trocknet oder, ganz und gar unziemlich!, um ein Glas Wasser bittet.

 Die Garageneinfahrt? Die ist bis zum Abend noch armselig-ärmlicher geworden als vorher. Vielleicht war es den beiden Sklaven auch nicht möglich, mit dem in ihre Rücken gebrannten Augenpaar besser zu arbeiten. Vielleicht geht aber auch die Vorstellungskraft und der Geschmack des Nachbarn nicht über das hingewaschene Betongrau hinaus. Seine beige vergrauten Altmännershorts und der gesichtslos weiße Wagen, der nun wieder sicher hinter Gittern in der Garage stehen darf, sind ja wohl Beweis genug.

Im Kreuzfeuer

17. April 2010

Sie versuchen es auf die unterschiedlichsten, allerdings nicht sehr kreativen Arten, am penetrantesten ist wohl die Lautstärke, mich von ihrer Musikalität zu überzeugen. Dumpf und gleichmäßig stampfen und pumpen die Bässe, über die der oder die Sänger/in einen gröhlenden Klangteppich mit möglichst obszön-ordinären Texten schreit. Habe das äußerst zweifelhafte Vergnügen, mich sozusagen übers Kreuz und bis in alle Morgenstunden vom doch etwas einfachen, ziemlich einseiten Musikgeschmack meiner Vor-, Hinter- und Nebennachbarn überzeugen zu können. Vielleicht buhlen sie gar um den Preis der ordinärsten Musik? Auch mit sehr viel Wohlwollen und einer Tolleranz, die einem Engel wohl anstände, gelingt es mir nicht, ins Klima einzustimmen, dem Pressluftgehämmer auch nur das Geringste abzugewinnen.

Sie legen immer wieder ganz unerwartet los. Sicher haben sie sich nicht abgesprochen, trotzdem beginnt das Kreuzfeuer fast gleichzeitig, die letzte Potenz und die hinterletzten Dezibels ausreizend, die ihre mobilen, voll aufgedrehten, superpotenten Lautsprecherkunstwerke, kunstvoll ganze Kofferräume eines Mittelklassewagens füllend, hergeben. Werden noch lauter, wenn sie die Heckklappe und alle Türen weit aufreißen, um den Sound so richtig herausschallen zu lassen, auf öffentlichen Plätzen genauso wie am Strand. Immer gibt es irgendwie eine Möglichkeit, mit dem lautstarken Auto ganz dicht hinunter oder herauf zu fahren, zum Beipiel zu dem exponiert auf einem Hügel gebauten Haus, von dem die Rhythmen dann auf den halben See herunter preschen. Man will doch auch beim Jet-Ski-fahren nicht auf den dümmlichen Rhythmus verzichten. Außer mir scheint es keinen wirklich zu beeinträchtigen, schließlich haben wir Karneval und da ist alles erlaubt, besonders wenn man die ganze Geld- und Machtsociety um sich herum versammelt hat. Nein, eingreifen lohne sich nicht, man wisse bei solchen Anlässen oder Feiertagen nie, welche Drogen oder welcher Alkoholpegel im Spiel sei und die lieben Nachbarn wohl etwas schwerhörig, respektive taub gemacht habe. Stoisch aussitzen ist angesagt. Keiner wagt es, das verlängerte Wochenende ist sowieso schon bald vorbei, sich mit den ignoranten, reichen und halbstarken Nachbarn anzulegen, denn hier regiert Geld und Beziehungen die Welt, oder die Politik.

Der Karneval ist es sich auch hier, in Alter do Chão, wert, von der Stadt aus dem Steuertopf finanziert zu werden. Seit Tagen sind die kleinen, improvisierten Barracken mit den Palmstrohdächern installiert, zusammen mit den Bierfässern, die wohl nur einen Teil des Abfalles aufnehmen werden. Immer wieder begegnen wir bemehlten Gestalten. Nachdem ich dann noch glücklich auch der ersten Maizenaschlacht entkommen bin, der Nachschub der traditionellen, gelben Schächtelchen mit den schwarzen Buchstaben scheint, wie der an Bier und Energiegetränken unerschöpflich. Na gut, früher soll es ja Brauch gewesen sein, sich neben Mehl mit Blasen voller Urin und anderen Unappetitlichkeiten zu bewerfen. Heute verkaufen die wie Pilze aus einem feuchten Waldboden aufschießenden ambulanten Verkäufer, ihre etwas krakelig geschriebenen Plakate verraten, dass sie Amateure sind, genauso wie die, die ihre Grundstücke mit lachhaften Plakaten zu Parkplätzen umfunktionieren und dabei gutes Geld machen, vor allem Bier, Bier, Maizena und Energiedrinks. Wirklichen Geschäftssinn verrät nur die Perückenverkäuferin. An einem improvisierten Drahtgestellt flattern lila und schrillgrüne Perücken im Chanelstil, daneben ein wilder Irokese und auch die Afroperücken im besten Black-Panter-Stil, wirr wie ein aufgezogener Wollknäuel. Improvisation und kurz entschlossen sein ist gefragt, und so finden alle Abnehmer. Der halbe Dorfplatz kostümiert, der Hitze wegen, wenigstens den Scheitel. Da schau, der überdimensionierte Wollknäuel gibt dem lokalen, dunkelhäutigen Indionachfahren ein überraschend echt, afrikanisches Aussehen. Im kleinen Krämerladen kauft sich ein anderer soeben einen Nachttopf, orange oder pink? und testet auch gleich, ob er ihm wirklich bis zu den Ohren runter geht. Huch, da kommen schon die ersten Maizenabestäubten, dann nun doch lieber in die Gegenrichtung.

Den Minikarnevalsblock, alle im Besten Alter, vier überaus fröhliche, schon etwas angeheiterte Damen und zwei Kavaliere, hält nichts zurück. Die Männer allerdings reichen den den Frauen, was Kostüme und Aufgekratzt sein anbelangt, bei weitem nicht das Wasser. Sie tragen alle vier auf kitschigen Perücken ein Paar roter, listig blinkender Teufelshörnchen, zu denen den Männern wohl einfach die Courage gefehlt hat. Besonders da dieselben eingebaute Lichter haben, die an und aus in teuflischem Rhythmus durch die Nacht blinken, an und aus, an und aus. Auch ihre Karnevalskostüme sind wirklich orginell. Machen sich, es sind kurze Kleidchen, selbstkritisch über die eigenen, doch schon etwas in die Jahre gekommenen, mehr als gut gepolsterten Körper lustig. Jedes ist mit einem graziel köstlichen Kurvenkörperchen bemahlt, einmal in Front-, einmal in Hinteransicht. Die pospaltentiefen Rückendecolletes und die neckisch aufgerichteten Täufelsschwänze lassen keinen Zeifel an den provozierenden Absichten.

Das größte Vergnügen der Truppe besteht aber darin, neben ein paar mit vielen kleinen Schlucken Bier begossenen, wippenden Tanzschritten, sich reihum in diesem Zustand abzulichten und abgelichtet zu werden. Eine nach der anderen stacheln sie sich zu noch gewagteren, ordinäreren Posen an, die alle sogleich, Digitalkamera sei Dank, reihum angesehen und quitschend kommentiert werden, gefolgt von noch einer und noch einer sinnlichen Aufnahme, lasziv hingeflätscht oder gar um die hohe Stange geschlungen, die gerade zufällig da ist. Die Männer, außen vor, nuckeln an ihren Bierbüchsen. Ignorieren die spitzen, entzückten Schreie über noch ein Foto auf dem Winzmonitor, dem gleich noch ein Foto nachgeschoben wird. Dann aber bläst die pinkfarbene Chanelperücke zum Aufbruch. Von weitem kann ich nur noch ihre knackigen, leider falschen Hinterteile bewundern und einmal mehr feststellen, dass dieser Karneval wohl ohne mich stattgefunden hat. Die doppelte Caipirinha jedenfalls wird mir, auch mitten im Kreuzfeuer, vielleicht etwas Schlaf garantieren.

Strassenkarneval

17. April 2010

Der Dresscode ist klar: Shorts, bequeme Schuhe oder gutsitzende Sandalen und ein unauffällig schlichtes Shirt. Keine Tasche, keine Accessoires, nichts was irgendwie auffallen könnte! Bin zwar nur zur Generalprobe eingeladen, als unbeteiligte Statistin, aber der Karneval ist echt, die Animation und die Spannung schon fast auf dem Höhepunkt, es fehlt nur noch eine einzige Woche bis es Ernst wird, und man um Aufstieg und Fall und damit natürlich viel Sponsorgeld, auch von der Stadt, im Sambódromo von Manaus mit anderen Karnevalsblocks wie der der Piranhas rivalisiert. Heute trainiert man allerdings, wie früher, auf der Straße. Dass man auch hier im Norden einen Karneval hat, zeigt dieser Umzug, organisiert und ausrichtet von einer der vielen Komunen, „Comunidades“, wie sich die Bewohner populärer Stadtteile selber bezeichnen, in dem sich alle Karnevalverrückten zusammenfinden. Falls ich mich aktiver beteiligen wollte, könnte ich mir, wie nun überall, eines der vielen buntschillernden Kostüme kaufen, mich damit unter die wilden Narren mischen, die so wild gar nicht sind, sondern eigentlich sehr gut organisiert. Karneval ist hinter den Kulissen sehr seriös, geprobt wird seit Wochen jeden Samstag. Es fehlen weder die Trommler der Band, der Sänger, der den Rhythmus vorgiebt, noch die lokale Schönheit, die ihres perfekten Körpers wegen, oder weil sie eine hiesige Berümtheit ist, zu einer Art Maskottchen wird, leicht bekleidet, auserkoren, die Band mit viel Samba im Fuß und Federn überm kaum bedeckten Po zu Höchstleitungen anzufeuern. Der strahlende Chef des ganzen Zuges ist der gewitzte, öffentliche Angestellte, mit dem kurzkrempigen Hut, der ihm ganz oben auf dem schon ziemlich kahlen Kopf sitzt, ganz 1950 – Monsieur Hulot hätte er wohl gefallen, dem karierten Hemd das sich etwas über dem Embonpoint spannt. Zur gedeckten Hose trägt er feine, transparente Hellancasocken und gut gewienerte schwaze Schuhe. Seine übertrieben blondierte, überaus freundliche Ehefrau steht ihm immer dann, wenn Not am Mann ist, zur Seite.

Der Stadtteil heißt, wie passend „Coroado“, der Gekrönte, und wir sind, klar, die allereinzigen Gringas, wohl auch die einzigen, die mit dem Auto anfahren. Das Statussymbol hier ist, wie ich später bemerke, eher das Motorrad. Im agressiven Design japanischer Trickfilme oder Comics, voller Ecken und spitzer Kanten, immer auf Hochglanz poliert, wird es gerne zur Schau gestellt, zum Beispiel am Straßenrand der einfachen Geschäfts und Wohnstraße, die sich dem Fluss entlang zieht, geritten, sozusagen statt eines Stuhles. Alle sind schon bereit, fiebern dem Umzug entgegen, der hier lang kommen soll. Endlich hören wir von weitem das rhytmische Trommeln und schon tanzen sie direkt vor uns, die Fahnenträgerin und ihr Partner und die „Comiçao de Frente“. Junge Männer, die eine etwas feminisiert gekünstelte Choreografie, zu der auch Kartonröhren, die wohl Waffen symbolisieren sollen, gehören und wehrhafte Pappschilder. Wie sehr sie sich in der schwülen Hitze konzentrieren, kann man an ihren bis zum Bauch durchgeschwitzten T-Shirts sehen. Sie preschen vor, ziehen sich zurück, stecken auf Kommando alle ihre Röhren in eine mitgetragene Kartonschachtel und schon zieht, elektrisierend, der ganze restliche Zug, die Band an uns vorbei. Auch die Zuschauer fiebern mit. Die jungen Mädchchen, alle frisch geduscht und hübsch zurechtgemacht, wollen den jungen Männer auf ihren auf Hochglanz polierten Motos gefallen, die sie, die sie auf dem Bürgersteig aufgebockt, stolz reiten, ihre liebevoll polierten Kurven und verchomten Zacken blitzen in der Dunkelheit. All meine Ängstlichkeit ist verflogen. Wir fallen im wilden Getümmel gar nicht weiter auf. Das ganze Viertel ist auf den Beinen, sozusagen mit Kind und Oma, ein Baby gar im himmelblauen Kinderwagen. Kinderwagen, eigentlich sehr teuer, normalerweise trägt man in diesen Schichten sein Wickelkind auf dem Arm mit, aber vielleicht ist der ein Geschenk irgendeiner Patronin. Wieder und wieder lassen wir den ganzen Zug an uns vorbeizeihen. Das gazellenschlanke Mädchen, das die Schnur der Abschrankung hochhält, die drei köstlich runden Popozudas, die ihre Hintern um die Wette rollen, wehe, wenn sie losgelassen. Der androgyne, bis zum Gürtel nackte Travestit, der seine strammen, festen Brüstchen noch und nocheinmal schüttelt. Das Paar mit der Fahne, gelb und grün, die elegant und konzentriert ihre Tanzschritte aufeinander abstimmen, die goldbetresste Fahne hin und her wehen lässt, sich verbeugt, Kusshändchen austeilt. Die Madrinha da Bateria, schon im Glitzerkleid und auf extra hochhaakigen Plateausohlen, legt noch einen Samba auf den Asphalt. Die schon etwas angejahrte Dame hat ihre besten Satinshorts rausgesucht, sie haben fast den selben Gelbton wie ihr üppig blondiertes Haar, dazu das grellfarbene Shirt des letzten Karnevals. Sie ist in die Pantöffelchen geschlüpft und tanzt nun ausgelassen bei den Baianas mit.

Auf dem absolut nicht fußgängerfreundlichen Bürgersteig weiche ich ständig irgendwelchen Hinternissen aus, eine Hähnchen- und Spießebräterei, die fetten Happen schwitzen unter dem grellen Licht einer einzelnen Glühbirne in einem Metallkasten vor sich hin. Die Zaungäste auf der anderen Straßenseite haben sich hoch auf die Abschrankung der öffentlichen Schule gezogen, genießen das Geschehen aus privilegierter Höhe. Der Puxador de Samba, mit Mikrofon und allem, und die Trommler und Trommlerinnen geben ihr Bestes, stimmen in einer Endlosschlaufe den immergleichen Samba dieses Jahres an, dessen Rhythmus alle mitreißt. Die ganz Uberzeugten singen gar alle Strophen auswendig mit.

So, nun sind wir bald am Ziel, gleich um die Ecke liegt die großzügige Barrake der Gemeinschaft. Ein paar junge Mädchen, alle so sorgfältig und einfallsreich nach den neuesten Trends aufgebrezelt, wie es ihre knappen Finanzen erlauben, haben hier ihre Plastikstühle auf die Straße gestellt, denn sicher geht der Schwatz auch nach der Auflösung des Zuges noch weiter.

Wir suchen uns einen leeren Wackeltisch und lassen uns zufrieden in die unbequemen Stühle des einzigen Lokals, ein Bäckerei/Restaurant fallen. Das in vier endlose Listen aufgeteilte Menu ist in aufwändig abschattierten, rot/blaue Buchstaben an die Wände gepinselt. Drüber verkündet man uns auch die frohe Botschaft, dass Jesus das Brot des Lebens sei. Bei einem Guarana Baré, eine lokale Marke, in der gläsernen Pfandflasche, schmeckt gar besser als die überregionalen, viel teureren, lassen wir das Erlebte nochmals vor uns ablaufen. Am allerbesten haben uns die liebevoll designten Kostüme gefallen. Sie sind alle im Clubhaus ausgestellt. Die Themen der verschiedenen Blöcke, symbolisiert von den Kostümen und den passenden Wagen, sind überaus inspiriert: Licht und Dunkelheit, die Vögel und die Eier, der Stockfisch des Amazonas, die Maul- und Klauenseuche und die Impfung und, als Abschluss, Die Hände, die arbeiten! Zum Teil wortwörtlch in bunte Farbsymphonien und ansprechende, symbolträchtige Verkleidungen umgesetzt. Nur das eher emplößend, denn verhüllende Kostüm der Madrinha da Bateria ist Schwarz wie die Nacht.

Schade, dass ich bei der Premiere nicht dabei sein werde, denn es verspricht ein wirklich vollkstümlicher, ursprünglicher Karneval zu werden, dem nichts fehlt, weder Balett noch Travesties, weder lockale und gar überregionale Schönheiten noch Rhythmus.

Heimspiel

7. Februar 2010

Wie sagte doch so klug Karl Valentin: Nur in der Fremde ist der Fremde wirklich fremd? Falsch, völlig falsch. Bei meinem letzten Heimbesuch jedenfalls beschlich mich, spätestens dann, als ich eine komplett neu designte Büroklammer vor mir sah, ein abgrundtief-unheimliches Gefühl der Fremde, beim Teetrinken noch verstärkt. Zwar kam er wie immer, wie hübsch, zusammen mit dem obligaten Kaffeesahnebehälterchen, aber was war denn das? Der patentgefaltete Teebeutel hing nicht mehr an diesem lächerlichen Faden, nein, auch er war funktionell durchgestylt. Kurz, man kann sich, oder zumindest ich, nach etlichen Auslandjahren auch auf heimatlichem Boden ziemlich fremd fühlen.

Das Fremdsein holte mich gleich auf dem ach so heimischen Flughafen ein. Mein Handy hatte ich absichtlich nicht mitgenommen, sollte nun aber telefonieren! Wie nur ohne das praktisch Allgegenwärtige? Nicht aufgeben – Durchhaltevermögen und Improvisation brauche ich jeden Tag in meiner neuen Heimat. Zu meinem Entzücken ist nichts davon nötig – eine vorausblickende Hand hat gleich hier am Flughafen so etwas veraltetes wie ein Münztelefon stehen gelassen!!!! Münzen in der jeweiligen Landeswährung habe ich für genau solche Zwecke immer im Handgepäck. Erinnere mich vage, dass die Vorwahlen geändert haben – verdammt, die guten alten Telefonbücher hängen nicht mehr da. Gott sei Dank erledigt sich das Unterfangen ganz von selbst, nicht ohne allerdings einen schönen Teil meines Kleingeldes verspiesen zu haben.

War auf meiner letzten Heimreise doch viel schlimmer: Stieg aus dem Flugzeug und sah mich einem völlig unbekannten, graugranittenen Szenario gegenüber. Edel, futuristisch clean, mit jener besonderen einheimischen Leere öffentlicher Bauten, die nur der perfekte Einklang von „Form follows Function“ in solch antrazitener Schlichtheit zelebrieren kann. Nur die brandneuen, betonnüchternen Bahnhofsunterführungen und Kreisel, die ich auf meiner Reise durchfahre, sind noch furchtbar-funktioneller. Puh, am Ende des granitenen Korredors stand, wie von ungefähr, ein futuristischer Shuttlebus auf Schienen. Blitzschnell erinnerte ich mich, scheinbar die Einzige unentschlossen Überraschte, daran, so fremd war ich doch wieder nicht, dass man hier nicht fragt, man kennt die Logik, weiß es einfach, man errät es! Reihte mich also, schnell und fast so selbstverständlich gleichgültig wie die anderen Passagiere, schon schloß die Tür, ins Bahnwunder ein, welches mich wunderbarerweise in zwei Minuten zum altbekannten Terminal brachte.

Das Fremdsein begleitet mich. Ach ja, hier ist das Toilettenpapier, auch auf öffentlichen Toiletten, fünflagig, natürlich wunderbar weich. Wie vielfältig die eingeprägten Blumengirlanden sind! Zudem, verzeihen Sie das unapettitliche Detail, darf ich es auch in die Toilette werfen und nicht in unapettitliche Kübel daneben. Im Supermarkt reicht dann mein Kleingeld gerade noch, um mir einen Einkaufswagen loszulotsen, allerdings nur, da sie überraschenderweise zweierlei Münzen akzeptieren.

Nicht dass ich mich nicht auch selbst fremd benähme. Gelingt es mir bis zum Ende meiner Reise nicht, mich souverän auf die Straße zu werfen, ohne mich zuerst umständlich einmal rundum von der Sicherheit meines Vorhabens vergewissert zu haben. Laufe dann aber doch bald los, wenn ich sehe, dass die Autos freundlich in den absurdesten Positionen für mich stoppen. Fühle gar eine eigenartige Genugtuung, als ein respektables Polizeiauto mir den Vortritt gewährt. Wenn das nicht zivilisiert ist!

Auf Schritt und Tritt wird mir klar, wie fremd mein Land geworden ist, oder besser kosmopolitisch. Allerdings dauert es, bis es mir selber dämmert, sehe mich in den verschiedensten Spiegeln und Spiegelungen, dass ich mit meinem warmen um Kopf und Hals geschlungenen Schal zwar die Kälte nicht spüre, meine Vermummung mich aber auch problemlos als orthodoxe Muslimin durchgehen ließe. Vielleicht doch nicht ganz die perfekte Verkleidung nach einem hiesigen, international ausgeschlachteten Verbot für Minarette…. .

Fremd und doch vertraut sind mir auch die vielen Hunde. Der erste Pinscher darf sein weltreisendes Frauchen laut jaulend schon auf dem Flughafen empfangen. Hier in Brasilien ginge es niemandem auch nur durch den Kopf, auch den verwöhntesten Schoßhund bis zum Supermarkt mitzunehmen. Hunde sind neuestens in ausgewählten Parks oder Shoppings erlaubt. Allerdings fehlen in Brasilien auch – noch – die giftgrünen Hundekackesäckchenspender. Auch die bissige Kälte scheint den hiesigen Hunden nichts auszumachen – in in Brasilien tragen fast alle Hundemäntelchen in den kälteren Wintermonaten. Hier wusseln alle sozusagen barfuß und ungeschützt im Schnee. An einem Samstagmorgen, es ist noch ziemlich früh, wird mir auch klar, warum hier alle Hunde so gut erzogen sind. Von ferne sehe ich einer ganzen Gruppe Hundebesitzer und ihren respektiven Hunden zu. Sie trainieren im frisch gefallenen Schnee, wie man, Hund und Hundebesitzer, an einem ganzen Kreis anderer Hunde und Hundebesitzer korrekt, das heißt, ohne auch nur hinzusehen, geschweige denn einen Muks zu machen, vorbeigeht. Müsste wohl mit meinen Hunden ein paar solcher Trainings besuchen.

Fremd ist mir auch die neue Postautostation, die ich aber sogleich, blitzschnell Jacke und Koffer an mich reißend, Gott sei Dank hat schon jemand „Halt auf Verlangen“ gedrückt, in mein Repertoire einverleibe und, wenn auch etwas aufgelöst, benutze. Nur die erste vieler Tücken mit Bus und Straßenbahn. Jede Stadt hat, was die Fahrkartenautomaten betrifft, ihre ureigene Logik, die sich Fremden wie mir nicht immer so auf weiteres selbst erklärt. Auch die überaus intelligenten Billet- (so heißen die Fahrkarten in meiner Heimat) Automaten der Bundesbahnen kann ich bis zum Schluss nicht so souverän bedienen, wie ihre Vorgänger, deren geheimnisvolle Logik man allerdings auch verstehen musste. Die neuen sprechen zwar auch Englisch, beanspruchen aber deutlich mehr Zeit, einkalkulieren! zuviele Möglichkeiten, bis sie sich schlußendlich dazu herab tun, ein Billet, pardon, Ticket auszuspucken. Mit Zeit und Geduld lösen sich fast alle Probleme. Meine nagelneue Fünfeuromünze, ich habe nur sie, werfe ich einfach immer und nocheinmal in den geduldigen Schlitz. Beim elften Mal erkennt er sie dann sogar als gültiges Zahlungsmittel an. Wichtig, denn ich hatte schon beim Herkommen gecheckt, dass zu dieser frühmorgentlich nachtschlafener Zeit noch alles geschlossen ist und die zur Arbeit hetzenden Menschen will ich auch nicht bemühen. Die unleugbaren Vorteile solch fortgeschrittener Technik lerne ich zu schätzen, als ausgerechnet der Fahrkartenautomat einmal – unerhört! ausfällt: Gott sei Dank sind wir zu dritt, ratlos und ohne Fahrkarte – hätte also im Notfall Zeugen. Kaum relaxt, zückt doch die dritte Zeugin, ein junges Mädchen, ohne zu zögern verwegen ihr Handy und fotografiert damit den toten Touch-screen! Einen perfekteren Beweis, inklusive Uhrzeit und Datum, gibts wohl nicht!

Beim Handy hatte ich leider nicht mit der liebevollen Vorsorge meiner Familie gerechnet. Auf mich wartete ein lokales Ding. Man kann mich nun immer genau dann erreichen, wenn ich gerade beim Gepäckherunterwuchten bin, nur zwei, äußerst knapp bemessenen Minuten habe, um umzusteigen! Nichts vergessen darf, nicht weiß, auf welchem Gleis der verdammte Anschlusszug ultrapünktlich abfährt, den Mantel einknöpfen muss und meine Handschuhe und den Schal richten. Sozusagen als Entschädigung beschert mir das Handy aber auch ganz ungewohnte Einblicke. Unbekannte, fremde Schicksale breiten sich vor mir aus, besonders dann, wenn in irgendwelchen halbleeren Zügen darüber ins Bild gesetzt werde, dass man sich Lamas als Haustiere halte, im Garten, ja. Sich aus deren Haaren gar schon Pullover habe fabrizieren lassen und auch gleich, wieviel das gekostet habe. Auch über Enten lerne ich, ungewollt, entscheidende Kleinigkeiten. Nur die Gespräche der „Segundos, der hier aufgewachsenen Italiener, Serben oder Türken, bleiben fragmentarisch. Ich verstehe immer nur das deutsche Viertel – sie wechseln, dem komplexen Schema einer Achterbahn gehorchend, gleich mitten in zwei Sätzen immer mal wieder die Sprachen, Deutsch-Italienisch/Türkisch/Serbisch, immer hin und zurück. Verschlüsselter, perfekter kodiert nur all die slawischen Sprachen, die neuerdings überall an meinem mehr oder weniger aufnahmebereiten Ohr vorbeiplätschern. Angenehmer als der Tochter-Mutter-Dialog im anteilnehmensten Sozialarbeiterstil, der sich die ganze Ausstellung lang immer wieder penetrant in mein Ohr schleicht. Von einer „Primeira“, einer Japanerin an der Hotelreception in Bayern, lerne ich gar Deutsch. Oder vielleicht Bayrisch? Sie tackert mir mit dem Tacker den Beleg gleich fix an die Rechnung. Das Wort hat sie, wie sie betont, von ihrer Dienstkollegin gelernt, nicht im Deutschkurs und spricht es wie takeln aus.

Fremd fühle ich mich, als mich gleich am Bahnsteig die bis auf die Zähne gepanzerte Schocktruppe der Polizei, Helme vorgeschnallt, empfängt. Fast fühle ich mich in irgendeinen Krieg der Sterne verstrickt. Kann es mir, wie unangebracht spontan, gerade noch verkneifen, den ersten, besten Polizisten zu fragen, wem das Aufgeboten denn gelte. Also in Brasilien hätte ich damit keine Sekunde gezögert. An der Hotelrezeption dann die Vermutung: Weihnachtsmarkt und ein Eishockeyspiel, Vorbeugen, oder besser Abschrecken, sei wohl besser als heilen. In eine überaus fremde, Lichtjahre entfernte Vergangenheit fühle ich mich zurückversetzt, als ich mich von einer schon ziemlich angeheiterten Gruppe Verbindungsstudenten schon wieder Vollmontur!, umringt sehe. Hat da einer gar einen Schmiss? Dachte, die seien, nicht nur die Schmisse, ausgestorben. Wollte eigentlich da, wo scheinbar deren Stammlokal ist, gerne ein Bier trinken.

Allzu bekannt sind andere Fremdheiten. Sollte mein Handy mit einem neuen Guthaben aufladen. Praktischerweise sehe ich gleich da vorne einen Laden. Trete durch die Glastür, sehe mich suchend um, und pralle auf die selben freistehenden Rundtheken, identisch gelangweilte Verkaufsberater und hilflos herumstehende Kunden, deren strafende Blicke mich belehren, dass ich auch hier ein Nummer brauche, um dann irgendwann bedient zu werden! Bin doch hier nicht in Brasilien! Strafender nur die Blicke der Fahrradfahrer, die sich auch von Schneechaos nicht beirren lassen. Nach dem dritten indignierten Blick merke ich, dass ich wahrscheinlich auf dem vom Pflotsch zugedeckten Fahrradweg gehe, der neuerdings die Bürgersteige abteilt, noch etwas fremd Gewönungsbedürftiges. Bin die soziale Kontrolle, die hier alle und alles einfordert, nicht mehr gewöhnt.

Als ich dann vor der Heimreise mein Gepäck schon am Vorabend einchecke, welch wunderbare Neuheit und, nicht so toll, Personaleinsparmaßnahmen, am Computerterminal Check-in machen muss, räche ich mich auf meine Weise: Schleppe am nächsten Tag, urbrasilianisch, ein Riesenteil von Handgepäck mit – ist ja keiner mehr da, mich daran zu hindern. Beim Zwischenstop allerdings hätten sie mich fast erwischt. Gehe ihnen Gott sei Dankl nur beim Einchecken in die Maschine nach Brasilien ins Netz. Wortlos bittet mich die Groundhostess, mein „Handgepäck“ doch lieber hier zu lassen, es werde im Flugzeugbauch mittransportiert.

Besser wohl nur die Versuchung, der ich in Zürich fast erlegen wäre. Der Check-in läuft auf vollen Touren, als die Frau des Sicherheitspersonals auftaucht, in der plastikbehandschuhten Hand einen handlichen Labtop. – Hat einer von Ihnen den hier vergessen? – Keine Reaktion, keiner klopft sich erinnernd an die vergessliche Stirn. Niemand! Mühsam halte ich meinen Arm unten – und so sie nimmt ihn halt wieder mit sich fort. – Man muss wohl in Brasilien leben, wo Computer immer noch sehr teuer sind, um mein Dilemma nachempfinden zu können.

Glücklich und nicht mal zu übermüdet wieder in São Paulo, schlüpfe ich in meine brasilianische Haut zurück. Dem übergroßen Handgepäck sei Dank gleich mit zwei Handkarren befrachtet, mache ich mich auf die Suche nach meiner Busgeselltschaft. Frage die unterschiedlichsten Personen, von der Putzmannschaft bis zum uniformierten Taxieinweiser, nach der sechsten Auskunft finde ich nicht nur den perfekt versteckten Fahrkartenschalter sondern auch den Abfahrtsstandort des Busses. Hat mal wieder gewechselt. Habe viel zu viel Zeit, muss deshalb nicht, wie das letzte Mal, mein Gepäck in der Obhut des Busfahrers zurücklassen, der wäre sonst ohne mich abgefahren, um rennend noch eine Fahrkarte zu kaufen. „Bem Vindo de volta“ im Land, in dem man sich sozusagen alles erfragen muss. Gibt es etwas Sympatischeres als einen kleinen Schwatz mit gänzlich Unbekannten?

Beim nächsten Einkauf werde ich endgültig zum König. Weise die vielen Plastiktüten mit dem beiläufig eingefloßenen Verweis zurück, dass ich soeben aus Europa zurück sei, und man da, wie ich hier, seine eigene Tüte mitbringe. Tüten, jede einzelne, müsse man da bezahlen. Staunend hören mir gleich alle sechs gerade nicht beschäftigten Kassiererinnen zu. Deren Monatslohn reichte wohl gerade für den Fünftel eines Flugtickets nach Europa. Wie privilegiert ich bin, dass ich sozusagen von beiden Seiten das Beste genießen kann!

Das Raumschiff

7. Februar 2010

- Was ist das denn für ein Raumschiff???? – Der junge Mann, immer sehr sympatisch, er arbeitet für das Fotokopiergeschäft, verspottet meinen Radiorekorder! Armer Apparat! Er gehört, ich gestehe es gerne ein, nicht zu den letzten Neuerscheinungen, spielt aber noch Tag für Tag CD hinter CD ohne zu eiern oder zu grochsen. Nur die Digitalanzeige gibt, langsam aber sicher, auf. Bestimmte Nummern errate ich eher als ich sie ablese. Für jemanden wie mich, auch nicht das letzte Modell, habe auf dem selben Apparat schon so viele Kassetten gespielt, dass dieses Laufwerk wirklich eiert – sehe keinerlei Veranlassung, ihn in Rente zu schicken. Nur wenn er eines lieben Tages selber den Dienst aufgeben wird. – Und ihr Auto? Schon gewechselt? – Der geht schon tiefer. Schließlich hat er mich kürzlich gesehn, wie ich, ziemlich schwungvoll, wahrscheinlich war ich etwas knapp oder gar zu spät, in eine Parklücke einbremste. Daher erinnert er sich an meinen Dynosaurier. Geliebter Fusca, ein VW, einer der letzten Käfer, bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hier in Brasilien in Lizenz gebaut. Wenn er es mit mir noch weitere 10 Jahre aushält, wird er, wer weiß, zum Oldtimer, eine Rarität, zum Sammlerstück! Inzwischen ist er mein bester Verbündeter, bewahrt mich, jeder kann ihn reparieren, vor allen möglichen Pannen und, noch besser, vor der „Panne“ Raubüberfall: er signalisiert es von weitem – nur Minderbemittelte fahren Fusca.

Was mir das Gespräch aber zeigt – langsam werde ich zum Exoten, oder ist Exzentriker sympatischer? Wenn ich ehrlich bin, ist es mir ziemlich egal. Erinnere mich an eine meiner Englischlehrerinnen. Eine waschechte Engländerin, die – by the way – vor ihrer Heirat als Krankenschwester gearbeitet hatte und den Beruf erst wechselte, als die Kinder ausgeflogen waren und sie als Expatriot etwas von ihrere Kultur weitergeben wollte. Wie reinblütig sie war, illustriert die Geschichte aus der psychiatrischen Klinik, wo sie gearbeitet hatte. Die Patienten mochten sie sehr gerne, besonders derjenige, der Spinnen halluzinierte. Einzig und allein sie konnte ihn beruhigen, wenn die Spinnen sein ganzes Zimmer besetzten. Sie nahm sich einfach eine Tüte. Steckte alle Spinnen, die sichtbaren und besonders die halluzinierten da hinein, und erwies damit dem Patienten einen unbezahlbarer Dienst, denn nun konnte er im ungezieferfreien Zimmer ruhig schlafen.

Ich erinnere mich an sie nicht dieser Großzügigkeit, sondern einer leichten Exzentrizität wegen. Sie erzählte uns einmal von ihrer Frustration, als sie einen neuen Radiorekorder kaufen musste. Der alte hatte seinen Dienst aufgegeben, war unreparierbar. So sehr an das quadratische, tiefschwarze Modell, der letzte Schei der 1960 er Jahre gewöhnt, dass sie sich nicht damit abfinden konnte, dass rund 20 Jahre später alle verfügbaren Modelle rund waren, silberne Raumschiffe, auch in keinem Lager fand sich ein viereckig schwarzer Kasten, was sie einfach unmöglich fand!!!

Später fahre ich, im Dynosaurier, an einem Minigeschäft vorbei und lese: Geschenke und NEUHEITEN! Das ist es!!!! Hier mögen sie nichts lieber als die neuesten Neuheiten! Da hilft kein Argumentieren, weder das Argument fehlender Finanzen, noch das der Konsumverweigerung. Am wenigsten die Beanstandung, dass all diese neuartigen Elektrogeräte viel zu viel könnten, zu viele Knöpfe, zu viele Funktionen, konfus und überflüssig. Meine Apparate sollen einfach zu bedienen sein und gut funktionieren. Kennen Sie ein einfacheres Auto als einen Käfer? Das selbe gilt für meinen Radiorekorder. Werde mir, eines Tages, dann, wenn sie endlich benutzerfreundlich sind, mit Freuden einer dieser elektronischen Spielzeuge kaufen, sie sich iPhone, iPode, Palm oder was weiß ich wie nennen, dann, wenn sie mir dienen und nicht ich ihnen.

Sehen Sie, wie bequem meine Exzentrizität ist? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie viel Zeit und Kopfschmerzen ich mir erspare, lassen wir das finazielle aus dem Spiel, wenn ich darauf warte, dass die Neuigkeiten ein weniger auskühlen? Mein silbernes Raumschiff jedenfalls sagt mir danke!

A nave espacial

30. September 2009

- Que nave espacial é essa? – O moço da copiadora, sempre muito simpático, puxa conversa em cima do meu do gravador! Coitado do aparelho! Confesso que não é o último lançamento, mas ainda toca CD após CD sem chiar nem grunhir, dia após dia. Só o painel digital está desistindo, devagarzinho, certos números adivinho. Mas para alguém que nem eu, também não o último lançamento – toquei, no mesmo gravador, muita fita cassete, só que essas chiam mesmo – não vejo razão nenhuma de aposentá-lo. Só mesmo se ele desistir. – E o seu carro? Já trocou? – Essa vai mais fundo! É que ele me viu uma vez, estava em cima da hora ou mesmo atrasada, entrar com certo ímpeto em uma vaga e desde lá lembra que ando de dinossauro. Um VW, um dos últimos Fuscas que foram produzidos, lá nos anos 80. Agüentando uns 10 anos a mais, ele já vira raridade, peça de colecionador! Mas por enquanto ele é o meu melhor aliado contra todos os tipos de obstáculos “transitais” – de quebra de motor até quebra de assalto.

Mas o que a conversa me revela – estou ficando por fora. Ou será que prefiro o termo excêntrico? E pior, não me importo muito com isso, não. Lembro-me muito bem de uma das minhas professoras de Inglês, uma verdadeira Inglesa que tinha sido – by the way – enfermeira antes de casar-se e só trocou de profissão depois ter educado os filhos. Era uma Inglesa de sangue, corpo e alma. De exemplo disso sempre me servia a história dela do hospital psiquiátrico. Os pacientes, ela contava, gostavam muito dela. Especialmente aquele cujas alucinações eram aranhas. O quarto todo dele ficava cheio delas e a única capaz de acalmá-lo era ela. Como? Simplesmente pegava uma sacola e catava todas as aranhas malvadas, as visíveis e especialmente as invisíveis, prestando um serviço inestimável ao coitado do doido que enfim podia dormir no quarto livre daquela praga. Mas não foi por essa grandeza e excentricidade que lembro dela. Foi, porque certa vez contou que precisava comprar um novo gravador, o velho tinha pifado, irreparável. De tão acostumada com o modelo dela, quadradíssimo, pretíssimo, era um dos últimos modelos dos últimos lançamentos dos anos 60, ela se espantou, enfim 20 anos mais tarde, que todos que eram disponíveis, eram redondos, naves espaciais prateadas, nem no estoque achava-se um preto e quadrado!!! Um fato que ela simplesmente odiou!

Mais tarde passo, de dinossauro, em frente da uma lojinha e leio: presentes e NOVIDADES! É isso!!!! Aqui, ao contrário da minha terra européia, eles gostam de uma novidade! Não adianta argumentar. Nem o argumento do tipo que não sou rica nem consumista e que a maioria dos eletrônicos é userunfriendly, simplesmente tem muito mais botões do que jamais vou precisar ou me interessem, cola. Exijo tão pouco dos meus aparelhos – bom funcionamento e manejo simples. Conheces um carro mais simples do que um Fusca? O mesmo vale para o meu gravador. Comprarei, um dia, até com prazer um daqueles brinquedos eletrônicos que se chamam iPhone, iPode, Palm, mas só quando eles me servirem e não eu a eles. E aí entra a excentricidade: Já pensou quanto tempo e dor de cabeça poupei, nem falo de dinheiro, esperando até que as novidades esfriassem um pouco? A minha nave espacial agradece.

Chuchu, der Aufsteiger

22. September 2009

Mein Chuchu ist ein echter Aufsteiger! Hat sich, sozusagen aus der Gosse, von ganz unten, von da, wo es weder Licht noch ein Vorwärtskommen gibt, zielstrebig hochgearbeitet, mit seiner ihm eigenen, rücksichtslosen Art. Er kennt weder Skrupel noch Vorurteile, hat ein einziges Ziel vor Augen: will jenen, von allen begehrten Platz, ganz dich an der Sonne! Will ihn ganz für sich allein, um jeden Preis und rücksichtslos. Klettert, koste was es wolle, hoch und noch höher, klammert, klebt, windet,strengt sich an, erfindet die absurdesten Hochseil- und die waghalsigten Balanceakte, wagt sich, tollkühn wie nur wenige, auf die schmalsten Zweige, die entferntesten Ästchen der allerhöchsten Bäume hinaus. Beteiligt sich, fast könnte man ihm Wahllosigkeit unterstellen oder fehlende Kriterien, an allen erreich-, greif- und verfügbaren Seilschaften, egal, wonach und wohin sie auch immer streben – Hauptsache ist himmelwärts. Lässt sich nicht die kleinste Unterstützung, den winzigsten Halt entgehen, teilt sich auf, ohne sich zu verlieren, schickt Späher aus und Vorhuten, streckt sich, macht sich ganz dünn, lang und noch länger, geht dabei die unwahrscheinlichsten, wagemutigsten Risiken ein, setzt sein Leben aufs Spiel, ganz ohne Netz und doppelten Boden in schwindelnden Höhen und über unglaublichen Abgründe, immer auf seinen Vorteil, seine Vormachtstellung und sein nicht geringes Ego bedacht, wo er, endlich angekommen, die grünste und unförmig deformierte Fruchtsamengemüseknolle produziert, die als das am wenigsten interessanteste Gemüse Brasiliens bekannt und verschrieen ist. Sozusagen eine kurzdick zusammengestauchte, grasgrün glänzende Gurke mit festem, hellem Fleisch. Böse Zungen sagen, dass Chuchu nach gar nichts schmecke, wässrig sei, allenfalls frisch, was aber den wohlwollenden Zungen gerade recht ist, denn nichts passt sich besser und ohne die geringste Widerrede jeglicher Zubereitungsart an – roh, gekocht, überbacken – bietet jeglicher Gewürzorgie geduldig die nötige Substanz oder Ausgangslage, als eben dieser sozusagen perfekt geschmacksneutrale Chuchu. Was allerdings dem Politiker, den sie seiner Farblosigkeit wegen mit einem Sorbet aus Chuchu verglichen, wohl genau deshalb die Wahl vergällt hat. Ach, und er soll übrigens zudem die perfekte Schonkost für Kranke und Rekonvaleszenten sein!

Botanisch gilt er als Epiphyt, als Schlingpflanze, denn er rankt sich an anderen Pflanzen hoch, ohne sie allerdings in ihrem Wachstum zu beeinträchtigen. Der Chuchu ist, nicht nur geschmacklich, mit der Gurke oder Zuchetti verwandt. Er ist aber bei weitem allemal die cleverste Rankenpflanze, die ich schon gesehen habe. Und deshalb bleibt er für mich der unverwechselbarer Superstar. Nicht nur, weil die Frucht, einmal ausgereift und einfach vom kurzen Stiel gefallen, auch gleich praktischerweise aus dem unteren Ende der Knolle eine neue Ranke sprießen lässt. Es reicht, wenn man sie mit dem neuen Sproß nach unten auf die Erde setzt, nicht mal eingraben muss man sie, schon gehts ruckartig los. Gleich wächst der neue Spross nach oben, sicher einen halben, einen Meter pro Tag. Wird, sozusagen über Nacht, zum nächsten Aufsteiger. Das zeugt von einer Fruchtbarkeit, die mir sozusagen sprichwörtlich scheint, denn der neugeborene Spross verfügt über genausoviel oder noch mehr Durchsetzungsvermögen, ist himmelstrebend, immer der Sonne nach. Es reicht ein bisschen Regen, der die Erde düngt, um in Rekordzeit eine surreale Ernte unter die handgroßen, vielzackigen Blätter zuhängen, eine hinter der anderen wie eine endlose Reihe etwas flachgedrückter Riesenglühbirnen, grün wie Marsmenschen. Womit sich der Zyklus schließt. Ob wohl meine kulinarischen Fähigkeiten der Fülle Herr werden? Neben Salat aus geriebenen Chuchus, drei oder vier, noch im Embriostadium und damit schön zart gepflückt, reichen schon für eine Mahlzeit. Muss wohl zu anderen Mitteln greifen, um den Aufsteiger zu meistern. Vielleicht gar zur sozusagen brasilianischen Methode: Sie einfach sich selber überlassen und nur hie und da einen ganz Vorwitzigen ausreißen und, halt nein, auf den Kompost darf ich den ja nicht werfen, sonst…… . Stelle mir schon meinen ganzen Garten chuchuüberwuchert vor! – Ja, Aufsteiger haben es nun mal in sich!

Das betrunkene Schwein

18. September 2009

Neuerdings haben ihn viele, besonders die Überängstlichen, immer gleich griffbereit in der Tasche. Ziehen ihn ohne die geringste Scheu hervor und auch in fast allen öffentlichen Gebäuden ist er sozusagen über Nacht aus den Wänden und Tischen geschossen – der Alkohol nämlich. In niedlich handliche Miniplastikfläschchen verpackt, findet er in jeder Handtasche, Schultüte und jedem Aktenkoffer Platz. Wie wahnsinnig effizient Brasilien sein kann! Sozusagen über Nacht haben sich alle mit Alkohol aufgerüstet. Nein, sie sind nicht plötzlich zu einer Nation von Alkoholikern geworden, im Gegenteil. Bald wird Brasilien sowieso zur suchtfreien Zohne erklärt worden sein. Nachdem nun endlich letztes Jahr der Blutalkoholpegel am Steuer unter Strafe gestellt wurde, galt das Aus kürzlich den Rauchern: Im ganzen Staat São Paulo darf nun sozusagen von vorgestern auf gestern in keinem öffentlichen Gebäude, keiner Bar, keinem Shopping und schon gar in keiner Firma mehr geraucht werden. Schluss, aus, Asche. Keine Lungenzüge mehr, keine Kippen, die Aschenbecher haben sich sozusagen in Rauch aufgelöst. Die Intellektuellen müssen sich eine neue Muse und einen anderen Inspirationskick suchen. Die Fiskalisierung und Kontrolle des neuen Gesetzes ist übrigens genial einfach und genial effizient. So wird, beim geringsten Rauchzeichen auf frischer Rauchtat ertappt, nicht etwas der rauchstinkende, nikotingelbe Sünder bestraft, sondern die Firma, die Bar oder das Restaurant, die ihn rauchen ließen….. .

Auch die Suchtgefahr beim Alkohol ist weitgehend unter Kontrolle, trotz furchbar billiger Cachaça. Beim Alkohol, neuester treuer Begleiter in allen Lebenslagen, handelt es sich um reinen Alkohol, 99,3%, steht auf der unscheinbar transparenten Plastikflasche, die in keinem brasilianischen Haushalt, und neuerdings als praktischer Spender in keinem öffentlichen Gebäude fehlen darf. Zudem wird er nur als Gel kommerzialisiert. Reichlich auf Wischtücher aufgetragen, desinfiziert er sozusagen alles, Böden, Fenster, Badezimmer und neuestens und hochaktuell auch alle Hände, besonders die Händer Hysterischer. Und hysterisch sind viele. Es könnten ja ausgerechnet ihre Hände sein, die schweinischerweise voller Schweinegrippenviren sind! Wupps, und im Nu hat ihnen der Alkohol den Garaus gemacht. Im Supermarkt soll der Alkohol gar ausverkauft gewesen sein, so weit verbreitet war die schweinische Hysterie. Als Sofortmaßnahme Alamstarke 10 wurde der Schulanfang aller öffentlicher und privater Schulen um zwei endlos lange Wochen, es soll sogar Kinder gegeben haben, die freiwillig, unaufgefordert und alleine zu lernen begannen, so öde war ihnen ohne Schule, hinausgeschoben worden. Alles, um die angekündigte Epidemie, die sich schon die tödlich infiszierten Hände rieb und eigentlich Millionen dahinraffen wollte, die Hände, sozusagen ihre Nahrung, oder besser ihre Opfer zu entziehen. Wurde doch nicht von ungefähr neben der stündlichen Desinfizierung mit Alkohol auch empfohlen, sich die Hände weder in den Mund noch in Augen oder Nase zu stecken! Und daran haben sich alle, nochmal Schwein gehabt, scheinbar auch gehalten. Und so, Alkohol sei Dank, ist es uns gelungen, das schweinische Grippeschwein zu alkoholisieren und aus dem Verkehr zu ziehen, denn nun sind auch schon die Zeitungen wieder Schweinegrippe frei.

Schwein gehabt? Ich jedenfalls kannte keinen, der sich angesteckt hatte. Kenne aber, nur so als Vergleich, gleich mehrere Leute, die schon überfallen, ausgeraubt, bestohlen oder schlimmeres wurden. Wo bleibt da die soeben auf so eindrucksvolle Weise gezeigte brasilianische Effizienz? Noch eins der wohl ungelöst bleibenden brasilianischen Rätsel! Habe übrigens schon eine ganze Sammlung davon!